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- Lage in der Ukraine „gefährlicher als im Kalten Krieg“
15.06.2026
Liebe Genossen und Freunde,
am 12.Juli 2026 veröffentlichte das Hamburger Abendblatt ein Interview mit dem Brigadegeneral a.D. Helmut Wilhelm Ganser.
In diesem Interview vertritt Ganser Ansichten hin zu einer „besonneneren“ Politik Deutschlands bei der Ausweitung der militärischen Unterstützung der Ukraine im Krieg mit Russland.
Nun ist aus dem ehemaligen Brigadegeneral bei weitem keine Friedenstaube geworden. Es zeigt sich aber auch bei ihm das Phänomen, dass er, wie auch andere Ex-Generäle (wie Kujat und Vlad) im Unterschied zur aktuellen militärischen und politischen Führungsriege der BRD in der Lage ist, die derzeitige Lage um die Ukraine umfassend zu beurteilen und die sich daraus für die Bundesrepublik ergebende existenzielle Bedrohung zu erkennen.
Dieses Phänomen liegt vielleicht darin begründet, dass er aus dem „aktiven Aufstiegsgerangel“ ausgeschieden ist und er für seine Äußerungen nicht mehr gemaßregelt werden kann.
Richtig und unbedingt notwendig sind die Gedankengänge von General Ganser in Bezug auf die Reparatur der Kommunikationskanäle zu Russland.
Die EU-Führung und auch die derzeitige Regierung der Bundesrepublik haben schon zu viel Porzellan zertöppert, als dass sie dafür in Frage kämen.
Es gibt nur sehr wenig europäische Politiker, die noch von Moskau angehört werden, nur haben die dann in der EU und der NATO die nötige Unterstützung.
Also: Ein erster Schritt wäre es zu Handeln, wie im letzten Absatz des nachfolgenden Interviews empfohlen wurde.
Siegfried Eichner, Oberstleutnant a.D.
Regionalgruppe Berlin "Marschall der Sowjetunion W.I. Tschuikow"

Von Matthias Iken, Stellv. Chefredakteur
12.07.2026, 06:12 Uhr
Der Hamburger Helmut Wilhelm Ganser kennt die Bundeswehr und die internationale Sicherheitspolitik aus dem Effeff: Der Brigadegeneral a.D. war stellvertretender Leiter der Stabsabteilung Militärpolitik im Verteidigungsministerium, Strategiedozent an der Führungsakademie der Bundeswehr, militärpolitischer Berater der deutschen Ständigen Vertreter im NATO-Rat und bei den Vereinten Nationen. Zuletzt hat er am Buch „Wenn morgen bei uns Krieg wäre“ der Hamburger Autoren Hauke Friederichs und Rüdiger Barth mitgearbeitet.
Ein Gespräch über Eskalation, Frieden – und Clausewitz.
Hamburger Abendblatt: Herr Ganser, täuscht der Eindruck, dass viele Ex-Generale der Militarisierung deutlich kritischer gegenüberstehen als viele Politiker und Journalisten?
Helmut Ganser: Nein, das sehe ich inzwischen ähnlich. Aber auch unter den Generalen a.D. gibt es unterschiedliche Auffassungen. Ich kenne einige Generale, die zurückhaltender sind als manche akademischen Militärexperten, die nie in der Regierung oder in internationalen Organisationen gearbeitet haben. Die beherrschen etwas zu sehr die Schlagzeilen. Ich wundere mich über manche, die etwa in Kommentaren zur deutschen Unterstützung der Ukraine massiv nach vorn gehen wollen, ohne die Folgen zu bedenken und anzusprechen.
Ukraine-Krieg: Könnte Russland bald Offensive im Baltikum starten? Damit meinen Sie die Szenarien vom letzten Sommer im Frieden, die Warnungen vor russischen Angriffen auf das Baltikum, Polen oder gar Rügen?
Zum Beispiel. Ich sehe das Risiko der Ausweitung dieses Krieges. Es wird immer wieder vom Risiko gesprochen, dass die Russen ab 2029 eine größere Offensive im Baltikum starten könnten. Diese Hypothese beruht auf der Annahme, dass der Krieg in der Ukraine dann vorbei ist. Welche Annahmen sind darüber gemacht worden, wann ein nachhaltiger Waffenstillstand eintritt? Das wird nicht gesagt. Auch in diesem Fall würden den Russen kaum hinreichende Kräfte für einen großangelegten Angriff etwa im Baltikum zur Verfügung stehen. Derzeit kämpfen in der Ukraine 700.000 bis 800.000 Russen. Selbst nach einem Waffenstillstand oder Friedensvertrag müsste mindestens die Hälfte dortbleiben, um die besetzten Gebiete abzusichern. Viel größere Risiken sehe ich in der Ausweitung des Krieges, vor allem durch die jetzt massive europäische Unterstützung der Ukraine, nachdem die Amerikaner sich aus der unmittelbaren Unterstützung zurückgezogen haben.
Halten Sie die Unterstützung für die Ukraine für gefährlich?
Grundsätzlich nicht. Ich bin für eine starke Unterstützung durch Europa. Ich möchte nicht, dass die Russen die Ukraine niederwerfen. Aber unsere Unterstützung muss sorgsam kalibriert sein, so wie auch die Biden-Administration in Washington in den ersten Kriegsjahren vorgegangen ist. Derzeit exponiert sich Deutschland sehr stark. Das war einmal anders: Olaf Scholz hat mit Joe Biden eigentlich nur im Gleichschritt reagiert. Jetzt, wo Donald Trump regiert, setzen sich die Deutschen an die Spitze der Bewegung.
Die Amerikaner sind weitgehend ausgefallen. Sie unterstützen die Ukraine offenbar noch mit Aufklärungsdaten, liefern aber keine Waffen mehr, geben kein Geld mehr, sie verkaufen nur noch Waffen an die Europäer, die diese dann an die ukrainischen Streitkräfte weiterreichen. Wir Deutschen sind inzwischen mit Abstand die stärksten Unterstützer der Ukraine. Damit rücken wir aus der Sicht des Kremls in den Mittelpunkt – wir sind nun nach der Ukraine der Hauptfeind in Europa. Auch in der russischen Bevölkerung herrscht offenbar die Auffassung vor, es seien vor allem die Deutschen dafür mitverantwortlich, dass die Ukraine sich weiter erfolgreich verteidigen und sogar empfindliche Luftschläge mit Marschflugkörpern und Drohnen im russischen Hinterland ausüben kann. Ich hoffe, dass die Bundesregierung die damit verbundenen Risiken analysiert hat und weiß, wie sie in Eskalationsszenarien handeln würde.
Warum haben wir uns an die Spitze der Unterstützer gesetzt? Zunächst wollten wir doch nur Helme liefern.
Da spielen viele verschiedene Aspekte eine Rolle. Einerseits steckt dahinter vermutlich die Einschätzung und Angst, dass die Russen auch uns, unsere Freiheit und unsere Lebensweise, bedrohen. Diese Angst halte ich für übertrieben. Andererseits kommt eine sehr starke moralische Unterströmung hinzu. Wir argumentieren mit Gerechtigkeit und dem Völkerrecht. So weit, so gut. Aber was für eine Moral ist das, wenn sie dazu führen kann, dass der Krieg sich ausweitet? Ich halte das für eine fragwürdige Moral. Clausewitz hat geschrieben, die Führung sollte nie den ersten Schritt tun, ohne den letzten zu bedenken. Brigadegeneral a.D. Erich Vlad warnt davor, dass Deutschland zum Aufmarschgebiet, zur Drehscheibe wird, wenn der Krieg eskaliert. Deshalb müssten gerade wir Deutschen endlich die Eskalation verhindern und die Diplomatie stärken. Wenn es zu einem Krieg mit Russland an der NATO-Ostflanke kommt, sind wir Deutschen direkt betroffen. Diese Risiken werden viel zu wenig bedacht. Durch Deutschland gehen die Aufmarschbewegungen, in die Gegenrichtung führen die Fluchtbewegungen und die Transporte der Verwundeten. Unsere Schienen, Autobahnen, Bundesstraßen und Brücken gehören zur kritischen Infrastruktur für den NATO Aufmarsch. Aus russischer Sicht sind sie Hochwertziele für ihre zahlreichen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Hier in Hamburg würden etwa die Elbbrücken, der Elbtunnel, und der Hafen zum Ziel für Luftangriffe und Terroranschläge. Diese zivile, verteidigungswichtige Infrastruktur ist ebenso wie unsere Bevölkerungszentren wenig gegen Raketenangriffe und Drohnenangriffe geschützt. Die nötige Luftverteidigung für zivile Infrastruktur haben wir nicht, zumindest auf Jahre hin nicht.
Sie sind 1967 in die Bundeswehr eingetreten. Sie kennen noch den Kalten Krieg. War der Kalte Krieg nicht viel gefährlicher als die Situation jetzt?
Nein. Die Situation jetzt ist sehr viel gefährlicher als im Kalten Krieg. Heute haben wir seit über vier Jahren Krieg in Europa, inzwischen länger, als der Erste Weltkrieg gedauert hat, und er könnte länger dauern als der Zweite Weltkrieg. Selbst in den 70er-Jahren, vor allem aber in den 80er-Jahren, gab es sehr viele Kontakte und Gespräche mit den Russen. Es gab die KSZE, die dann zur OSZE wurde, es gab zahlreiche substanzielle Rüstungskontrollabkommen, die zur sicherheitspolitischen Stabilität beigetragen haben. Diese Abkommen sind inzwischen alle gekündigt worden. Von beiden Seiten. Wir leben in einer viel gefährlicheren Situation, als damals. Leider scheint das den meisten in Politik und Medien gar nicht bewusst zu sein.
Ich spüre manchmal eine Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit, mit der vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien immer wieder Forderungen laut werden wie: Deutschland müsse militärisch noch viel mehr tun! Russland müsse den Krieg verlieren! Dabei wird übersehen, welche Eskalationsmöglichkeiten Russland besitzt. Putin verfügt zusammen mit den USA über die größte Atommacht. Ständig zu wiederholen, Putin würde deren Einsatz niemals wagen, halte ich für leichtfertig, vielleicht ist es Autosuggestion. Niemand kann wissen, was Putin unter extremem Stress, Wut und Hassgefühlen tut, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Im Oktober 2023, als die Russen an zwei Fronten zurückgedrängt wurden, überlegten die Russen laut Präsident Biden und dem CIA offenbar ernsthaft, Atomwaffen einzusetzen. Mich verblüfft, dass die Sorge vor einer Eskalation mit Atomwaffen in den USA größer ist als hierzulande. Obwohl Europa im Gegensatz zu den USA unmittelbar und dramatisch betroffen wäre, wenn Russland sogenannte taktische Atomwaffen einsetzen würde.
Sind wir des Krieges zu sehr entwöhnt, dass wir die Risiken nicht mehr realistisch einschätzen? Ältere Menschen warnen, jüngere geben sich sorglos. Ich sehe manchmal eine Art spieltheoretischer Herangehensweise. Der Krieg in der Ukraine ist aber kein Kriegsspiel, auch kein Computergame, sondern brutale und sehr blutige Realität. Die Leute, die über Atomwaffen so locker reden, sollten sich zunächst einmal mit den Wirkungen von Atomwaffen und deren Auslöschungspotenzial befassen. Solch furchtbare Szenarien werden gern komplett verdrängt. Man will sie nicht an sich heranlassen, betäubt sich selbst. Man will das Grauenhafte nicht zur Kenntnis nehmen. Die Verantwortlichen in der Regierung müssen sich dem aber stellen.
Machen sie das ausreichend?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Kanzler Merz reagiert oft sehr impulsiv und spitzt gern zu. Er hat sich jetzt sehr stark an die Ukraine gebunden. Auch mit dem Satz im Bundestag, die deutschen Interessen und das Schicksal Deutschlands seien untrennbar mit den Interessen und dem Schicksal der Ukraine verbunden.
Halten Sie das für Unsinn?
Zumindest geht es mir zu weit. Das klingt wie „unser Krieg“. Wenn wir so untrennbar mit der Ukraine verbunden sind, dann müsste man die Ukraine sofort in die NATO aufnehmen und mit der NATO, der Bundeswehr voran, in den Krieg eintreten. Das ist doch nicht im deutschen Interesse, nicht im Sinne der deutschen Bevölkerung. Wir müssen das Risiko kalkulieren. Ich definiere Risiko wie ein Versicherungsmathematiker. Man multipliziert die Eintrittswahrscheinlichkeit eines schlimmen Ereignisses mit der Schadenshöhe. Jeder Angriff auf Deutschland wäre mit Blick auf die hohe Verwundbarkeit unserer Infrastrukturen, wie zum Beispiel der Stromnetze und Städte, mit einer immensen Schadenshöhe verbunden. Also müssen wir vorsichtig sein und die Wahrscheinlichkeit weiter reduzieren.
Sie kennen die NATO von innen, arbeiteten lange in Brüssel. Hat sich das Bündnis durch den Beitritt der osteuropäischen Staaten und des Baltikums radikalisiert?
Das ist schwierig zu beantworten. Die 32 Bündnispartner haben vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen geografischen Lage unterschiedliche Interessen. Sie müssen sich immer wieder zusammenraufen, weil die NATO-Beschlüsse nur im Konsens gefasst werden. Aber ich sehe die Bündnispartner, die gegen Russland immer weiter ins Risiko gehen wollen, im Kreis der Osteuropäer, vor allem bei den Polen, aber auch in den baltischen Staaten. Das hat natürlich historisch durchaus nachvollziehbare Gründe in ihrem Verhältnis zu Moskau.
Briten und Franzosen haben sich zu Beginn dieses Konfliktes stärker engagiert.
Ja. Im Vergleich zu Deutschland leisten sie wesentlich weniger. Können sie finanziell auch nicht. Die West- und Südeuropäer schauen gar nicht so sehr auf die Ostflanke, die gucken nach Süden, auf Risiken der Massenmigration und Terrorismus. Hier in Hamburg würden etwa die Elbbrücken, der Elbtunnel, und der Hafen zum Ziel für Luftangriffe und Terroranschläge.
Wenn der Kanzler Sie anriefe, würden Sie ihm raten, diplomatisch eine Offensive zu starten, nach Moskau zu reisen?
Der Kanzler wird mich definitiv nicht anrufen. Die Ehemaligen werden ohnehin kaum gefragt. Ich bedaure das aber auch nicht. Mein Rat wäre, besonnener zu sein. Wir sollten die Unterstützung der Ukraine beibehalten, weil Putin nur die Sprache der Macht versteht. Aber gleichzeitig sollten wir dringend einen zunächst informellen Gesprächskanal nach Moskau aufbauen. Wir müssen die Kontakte, die wir vor 2022 hatten, reaktivieren. Derzeit überlassen wir jede Diplomatie den Amerikanern.
Aber worüber soll man mit dem Aggressor sprechen?
Sicherlich nicht primär über Modalitäten für einen Waffenstillstand im Donbass, wie das die Trump-Administration versucht hat. Sondern eher zunächst über die jeweiligen Vorstellungen zu einer Nachkriegssituation, einer Nachkriegsordnung in Europa. Da muss nolens volens die NATO Beitrittsperspektive der Ukraine auf den Tisch. Das ist meines Erachtens eine wesentliche Ursache der russischen Aggression. Und da müssten wir ran und auf eine Kompromisslösung hinarbeiten. Wir brauchen auf Dauer eine stabile Sicherheitsordnung mit den Russen, in die auch wieder Rüstungskontrolle eingebunden werden müsste. Wenn es auf diplomatischem Weg gelänge, eine Annäherung an eine stabilere europäische Sicherheitsordnung zu erzielen, könnte eine Verhandlungslösung vielleicht darin eingebettet werden. Das wird natürlich schwierig genug, denn der Hass auf beiden Seiten ist groß. Und die Russen haben vor allem mit den Deutschen und den Osteuropäern mental abgeschlossen.
Brigadegeneral a.D. Helmut Ganser: „Ich halte überhaupt nichts von Spitzentreffen“
Dann können es nur die Amerikaner richten?
Derzeit ja. Die Russen wollen eigentlich nur mit den Amerikanern reden. Wir stecken in einem Dilemma: Einen Waffenstillstand wird man nur erreichen, wenn die Russen etwas bekommen und Präsident Selensky gleichzeitig nach innen erklären kann, dass die Ukraine siegreich aus dem Krieg herauskommt. Dabei geht es auch um die großen Fragen nach der NATO-Mitgliedschaft oder der Aufhebung von Sanktionen. Das müsste zunächst in informellen Gesprächen sondiert werden. Ich halte überhaupt nichts von Spitzentreffen, wenn diese nicht gut vorbereitet sind – ein Gipfel mit Selenskyj und Putin jetzt wäre kontraproduktiv. Die schreien sich an, und danach geht es schlimmer weiter. Produktive Verhandlungen sind noch weit weg. Im Gegenteil: Die Ukrainer zerstören immer mehr empfindliche Anlagen und Raffinerien im russischen Hinterland, sie schießen Drohnen bis nach Moskau. Die Russen antworten immer wütender und stärker mit Luftangriffen auf die Ukraine. Das schaukelt sich immer weiter auf. Und die Frage lautet, ob irgendwann die russischen Schläge bis an die Grenze zu Polen, ins Baltikum oder auf das Unterstützungsnetzwerk der NATO-Staaten gehen. Dann ist der Bündnisfall nah.
Das klingt alles sehr, sehr düster. Was macht Ihnen Hoffnung?
Ich habe die leise Hoffnung und die Erwartung, dass auf beiden Seiten Vernunft einkehrt. Vor allem in Russland. Aber auch auf der westlichen Seite. Nicht den ersten Schritt gehen, ohne den letzten zu bedenken. Ein bisschen mehr Clausewitz würde der Bundesregierung nicht schaden. Und den Medien ohnehin nicht.
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