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- Gedanken zum 70. Jahrestag der Gründung der NVA – einer Armee des Friedens
13.03.2026
Ein Beitrag des RotFuchs, erschienen in der Ausgabe März 2026
verfasst vom Mitglied unseres Verbandes
Oberst a.D. Wolfgang Herzig
Der vom deutschen Faschismus entfachte 2. Weltkrieg endete 1945 mit dem Sieg der Alliierten, wobei die Sowjetunion mit der Roten Armee den Hauptanteil trug. Deutschland wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Allerdings hatten die westlichen Besatzungsmächte (USA, Großbritannien und Frankreich) kein Interesse daran, dass ein geeintes und neutrales Deutschland, so wie es von sowjetischer Seite mehrmals vorgeschlagen wurde, entstehen könnte. Mit der Bildung der Bi- und danach der Tri-Zone leiteten sie vielmehr bewusst die politische und territoriale Spaltung Deutschlands ein, die dann 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik ihren Abschluss fand und das Land endgültig gespalten wurde. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung wurde am 07. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik gegründet.
Zur Aufrechterhaltung der Sicherheit im Inneren und an den Grenzen der Republik wurden in der sowjetischen Besatzungszone neue Polizeiorgane gebildet. 1948 wurde die Deutsche Verwaltung des Inneren geschaffen und weitere Polizeieinheiten aufgestellt, die der Hauptverwaltung Ausbildung unterstellt wurden. 1950 wurde die Hauptverwaltung der Seepolizei gebildet. Schließlich wurde 1952 die kasernierte Volkspolizei ins Leben gerufen.
In der Bundesrepublik wurden am 10. November 1955 die ersten Soldaten der neu geschaffenen Bundeswehr vereidigt und die Bundesrepublik trat der NATO bei. Charakteristisch für die Bundeswehr ist, dass deren Führungsapparat vor allem aus ehemaligen Offizieren und Generalen der Wehrmacht und der Waffen SS bestand.
Mit der Gründung regulärer Streitkräfte in der BRD wurde in der DDR die Notwendigkeit immer stärker, für den Schutz des Landes eigene Streitkräfte aufzubauen. Dazu wurde am 18. Januar 1956 das „Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums für Nationale Verteidigung“ durch die Volkskammer verabschiedet. Darin heißt es:
„Der Schutz der Arbeiter-und-Bauern-Macht, der Errungenschaften der Werktätigen und die Sicherung ihrer friedlichen Arbeit sind elementare Pflicht unseres demokratischen, souveränen und friedliebenden Staates. Die Wiedererrichtung des aggressiven Militarismus in Westdeutschland und die Schaffung der westdeutschen Söldnerarmee, ist eine ständige Bedrohung des deutschen Volkes und aller Völker Europas. Zur Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit und der Sicherheit unserer Deutschen Demokratischen Republik beschließt die Volkskammer auf der Grundlage der Artikel 5 und 112 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik das folgende Gesetz:
§ 1
(1) Es wird eine "Nationale Volksarmee" geschaffen.
(2) Die "Nationale Volksarmee" besteht aus Land-, Luft- und Seestreitkräften, die für die Verteidigung der Deutschen Demokratischen Republik notwendig sind. Die zahlenmäßige Stärke der Streitkräfte wird begrenzt entsprechend den Aufgaben zum Schutz des Territoriums der Deutschen Demokratischen Republik, der Verteidigung ihrer Grenzen und der Luftverteidigung.
§ 2
(1) Es wird ein "Ministerium für Nationale Verteidigung" gebildet.
(2) Das "Ministerium für Nationale Verteidigung" organisiert und leitet die Nationale Volksarmee (Land-, Luft- und Seestreitkräfte) auf der Grundlage und in Durchführung der Gesetze, Verordnungen und Beschlüsse der Volkskammer und des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik.
(3) Die Aufgaben des "Ministeriums für Nationale Verteidigung" werden im Ministerrat festgelegt.
§ 3
Das Gesetz tritt mit seiner Verkündung in Kraft.“
Bis zum 01. März 1956 hatten die entsprechenden Stäbe und Verwaltungen einsatzbereit zu sein und am 01. März 1956 wurden in Anwesenheit des Ministers für Nationale Verteidigung, Generaloberst Stoph, die ersten Soldaten der NVA vereidigt. Damit gilt dieses Datum als Gründungsdatum für die NVA. Für den Aufbau einer sozialistischen Armee wurde im geringen Maße auch auf ehemalige Wehrmachtsoffiziere, die in Kriegsgefangenschaft eine antifaschistische Entwicklung eingenommen hatten, zurückgegriffen, die jedoch bis Ende der 50er Jahre entlassen wurden. Hierin unterscheidet sich die NVA grundlegend von der Bundeswehr, in der die ehemaligen Generale und Offiziere der Wehrmacht und der Waffen-SS die Kommandogewalt bis zum altersbedingten Ausscheiden aus dem Dienst innehatten und damit den Charakter dieser Armee bestimmten.
Die wichtigste Aufgabe der neu geschaffenen Streitkräfte bestand in der zuverlässigen Verteidigung der DDR. Der der NVA erteilte Auftrag lautete: „Im unerschütterlichen Zusammenwirken mit der Sowjetarmee und den anderen sozialistischen Bruderarmeen die erforderlichen äußeren Bedingungen für den Aufbau des Sozialismus und Kommunismus zu sichern, die Staatsgrenze, das Territorium, den Luftraum und das Küstenvorfeld der DDR sowie der verbündeten sozialistischen Staaten zuverlässig zu schützen, die Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft ständig qualitativ zu vervollkommnen und jeder imperialistischen Aggression entschlossen zu begegnen.“
In ihrem Wesen verstand sich die NVA als eine Armee des Volkes und brach konsequent mit den alten militaristischen Traditionen früherer deutscher Streitkräfte. Das zeigte sich in der konsequenten Friedenspolitik im Rahmen des Warschauer Vertrages. Der Kommandeursbestand (Generale, Offiziere, Fähnriche und Berufsunteroffiziere) war zu über 90 % Mitglied der SED.
Die NVA zeichnete sich durch einen hohen Grad der Einsatz- und Gefechtsbereitschaft aus. Dies wurde erreicht durch eine straffe militärische Ausbildung, einem hohen Stand der Einsatzbereitschaft der Technik und Bewaffnung und ein hohes Engagement des Personalbestandes. Dieser hohe Stand der Gefechtsbereitschaft hatte aber auch Auswirkungen auf die Dienst- und Lebensbedingungen aller Soldaten. Das zeigte sich vor allem darin, dass die Soldaten nur aller 6 bis 8 Wochen zu ihren Familien fahren konnten und für die Berufssoldaten ein 8-Stundentag eine Utopie war.
Besonders hervorheben muss man die Ausbildung des Kommandeursbestandes. 4776 Offiziere studierten an sowjetischen Militärakademien und Hochschulen und 6130 Offiziere wurden an der Militärakademie „Friedrich Engels“ ausgebildet. Dazu kommen die an der Militärpolitischen Hochschule „Wilhelm Pieck“ ausgebildeten Politoffiziere. Außerdem beendeten viele Offiziere ein ziviles Hoch-oder Fachschulstudium. Die Anzahl der Offiziere an den Lehreinrichtungen, die den 2. und 3. akademischen Grad erworben hatten stieg von Jahr zu Jahr. Dieses System der ständigen Aus- und Weiterbildung garantierte, dass Berufs- und Zeitsoldaten stets über aktuelle militärische und gesellschaftswissenschaftliche Kenntnisse verfügten.
Einen wichtigen Beitrag leistete die NVA bei der Ausbildung militärischer Kader befreundeter Länder. Die Ausbildung erfolgte an der Militärakademie, der Offiziershochschule für ausländische Militärkader sowie an verschiedenen Offiziershoch- und Unteroffiziersschulen und trug dazu bei, dass die NVA auch international als eine leistungsstarke Armee eingeschätzt wurde und eine hohe Achtung genoss.
Ein zentrales Merkmal der NVA war ihre friedenserhaltende Aufgabe. Im Rahmen des Warschauer Vertrages leistete sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für die Erhaltung des Friedens in Europa. In den verschiedensten gemeinsamen Manövern, hier sollen nur die Manöver „Waffenbrüderschaft“ oder „Quartett“ genannt werden, bewies die NVA hohe militärische Meisterschaft und die Fähigkeit, erfolgreich im Bestand von Koalitionsstreitkräften handeln zu können. Damit wurden auch den Gegnern des sozialistischen Lagers die Grenzen aufgezeigt.
In der gesamten Zeit ihres Bestehens war die NVA mit moderner Technik und Bewaffnung ausgerüstet. So verfügte sie über mehr als 9.000 moderne Panzer und Schützenpanzer, 2.465 Artilleriegeschütze verschiedener Kaliber, ca. 370 Kampfflugzeuge, darunter auch die MIG-29, 191 Kampfschiffe verschiedener Bestimmung, moderne Raketensysteme wie die S-300 oder die operativ-taktischen Raketensysteme Elbrus und Oka. Die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen. Diese Ausrüstung verbunden mit einem hohen Ausbildungsstand und hoher Einsatzbereitschaft der Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere und Generale und Admirale waren der Garant für einen zuverlässigen Schutz der DDR und im Verbund mit den Armeen des Warschauer Vertrages des sozialistischen Lagers
Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass die NVA nie in ihrer Geschichte an aggressiven Militäreinsätzen gegen andere Staaten beteiligt war. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von der Bundeswehr, die an zahlreichen Auslandseinsätzen, hier seien nur die Teilnahme an der Bombardierung Jugoslawiens 1999 oder der Einsatz in Afghanistan genannt, beteiligt war und ist. Auch solche Begriffe wie „kriegstüchtig“ oder „siegfähig werden“, die heute wieder verstärkt propagiert werden, wären mit dem Selbstverständnis und dem Auftrag der NVA unvereinbar gewesen.
Der 70. Jahrestag der Gründung der NVA ist für mich zugleich Anlass, persönlich Bilanz zu ziehen. Warum bin ich Offizier geworden? Es wäre zu einfach zu sagen, weil ich den Frieden erhalten wollte, aus Überzeugung. Nein, es spielten auch andere Aspekte eine bestimmte Rolle: Abenteuerlust, schnellere wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Ausbildung an der Offiziersschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“ in der Fachrichtung III, Chemische Dienste, (1965 bis 1968) war hart und fordernd, prägte jedoch nachhaltig meine Haltung zum Soldatenberuf und festigte meine Bereitschaft, alles für den Schutz der DDR einzusetzen – eines Staates, der mir eine sorglose Kindheit und eine ausgezeichnete Schulbildung ermöglicht hatte. Ich setzte im Weiteren alles ein, meine Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Nach dem Studium an der Militärakademie für Chemischen Schutz in Moskau (1974 bis 1979) und dem Einsatz in verschiedenen Dienststellungen führte mein Weg zurück an die Offiziershochschule „Ernst Thälmann“ nach Löbau. Hier musste ich den Verlust meines Heimatlandes, der DDR, miterleben. Als letzter Kommandeur der Sektion 7, Chemische Dienste, bestand mein Bestreben darin, allen Angehörigen der Sektion den Weg in die Arbeitslosigkeit zu ersparen und den Offiziersschülern einen qualifizierten Abschluss zu ermöglichen. Das ist mir größtenteils gelungen. Rückblickend kann ich heute sagen, dass ich keine Stunde meines 25-jährigen Dienstes in der NVA, so hart und entbehrungsreich es auch oftmals war, vermissen möchte. Ich bin stolz darauf, meinen Beitrag zur Erhaltung des Frieden geleistet zu haben!