Franco Berardi lehnt Einladung in die Bundesrepublik ab

Auf der Solidaritätskundgebung mit Griechenland am Mittwoch in Bremen wurde ein Schreiben des italienischen Autors Franco »Bifo« Berardi unter großem Beifall verlesen. Er antwortet darin auf die Einladung zu einem Literaturfestival in der Bundesrepublik:

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Einladung (...). Ich muss Ihnen jedoch mitteilen, dass, obwohl ich vor einigen Monaten Ihre Einladung angenommen habe, ich mich heute gezwungen sehe, meine Teilnahme an Ihren Manifestationen abzusagen, denn in diesem Augenblick kann ich keinen Fuß setzen in ein Land, dessen Einwohner sich in sehr großer Mehrheit in den Haltungen der fanatischen Verfolger des griechischen Volkes und aller Völker der Euro-Zone wiederfinden.

Ich glaube, dass für jeden europäischen Demokraten nun der Moment gekommen ist, einer tief schmerzlichen und erschreckenden Wahrheit ins Auge zu sehen: Siebzig Jahre nach dem Ende des Naziregimes, zweiundsechzig Jahre nach der Londoner Akte, in der die Schulden, die Deutschland gegenüber der Menschheit hatte, erlassen wurden, zeigt die Nation dieselben kulturellen, psychologischen und politischen Züge, die sie in ihrer dunkelsten Vergangenheit charakterisiert haben.

Die moralische Schuld, die der griechische Staat gegenüber der Europäischen Union hat, besteht in der Fälschung der Rechnungsbücher. Die moralische Schuld, die der deutsche Staat gegenüber der Welt trägt, besteht in der physischen Auslöschung von sechs Millionen Juden, zwei Millionen Rom, dreihunderttausend deutscher Kommunisten, dreiundzwanzig Millionen Russen, dreihunderttausend Jugoslawen, und weitere werden nicht genannt. An der obengenannten Schuld jedoch ist das griechische Volk unschuldig, denn für die Fälschung sind die Finanzgesellschaften verantwortlich, die die Funktionäre von Nea Demokratia und Pasok unterstützt haben. Das deutsche Volk hingegen ist keinesfalls unschuldig an den undenkbaren Verbrechen des Nazismus, denn ein Großteil der deutschen Bürger war aktiv oder passiv Mittäter.

Dass Deutschland sich heute dazu berechtigt sieht, die Bestrafung und die Verarmung des griechischen (und auch des portugiesischen, irischen, spanischen, italienischen, französischen) Volkes zu fordern, im Namen des Prinzips, nach dem die Regeln nicht überschritten werden dürfen, ist Zeichen einer außerordentlichen Heuchelei (...).

Als Sohn eines kommunistischen Partisanen, der 1943 verhaftet und in den Nazigefängnissen festgehalten wurde, wäre es unehrenhaft für mich, in ein Land zu gehen, dessen Bevölkerung beweist, nichts aus seiner schrecklichen Geschichte gelernt zu haben.

Ich weiß mit Sicherheit, dass die Personen, die mich (...) einladen, ebenso schockiert sind über das Wiederauftauchen solcher Gefühle von Arroganz, Grausamkeit und Unmenschlichkeit in einem Großteil ihrer Bevölkerung, wie ich selbst. Aber ich kann das Gefühl von Entsetzen, das die Grausamkeit der deutschen Regierung in mir auslöst, nicht überwinden, ich kann weder Respekt noch Freundschaft empfinden für die, die die Erniedrigung des griechischen Volkes wollen. Und ich kann nur dazu aufrufen, dass die demokratischen deutschen Bürger für eine nicht nur oberflächliche moralische Reform kämpfen und dass sie vor allem dafür kämpfen, sobald wie möglich die kriminelle Regierung von Merkel, Schäuble und Gabriel niederzureißen.

 

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