Kaum beachtet im Jahr der Jahrestage
Zum Truppenabzug der GSSD vor 25 Jahren

von Oberst a.D. Frithjof Banisch

Wenn man heute an der südöstlichen Ampelkreuzung der Ortschaft Wünsdorf, südlich Berlins, von der B96 links abbiegt, findet man linker Hand und im lichten Wald liegend ein langgestreckt erscheinendes Gebäude mit hohen Fenstern und einer Terrasse über seine gesamte Länge. Das in seiner Grundfläche aber fast quadratische und somit große Haus erlebte mehrere Umbauten in der Geschichte seiner militärischen Nutzung. Erst nach 1994 wurde es zu einer zivilen Einrichtung umgestaltet. Das Geld dafür kam mit dem Zauberwort „Konversion“ nach Wünsdorf.
Heute IST ES das „Bürgerhaus“, und es steht unter Denkmalschutz. Einst nutzten es Militärs der Armee des deutschen Kaisers als Kantine, unten für die Soldaten und oben für die Offiziere. Als Wünsdorf das Hauptquartier der Reichswehr wurde, dann als Standort des Oberkommandos des deutschen Heeres diente und schließlich bis in das Jahr 1945 hinein der Sitz des Oberkommandos der Wehrmacht war, nutzte man den Saal und die Vielzahl der Räume als „Beköstigungsanstalt“ und später als Casino der Garnison. Bis zum Abzug der sowjetischen/russischen Truppen aus Deutschland im August 1994 war hier eine der Einrichtungen der „Wojentorg“, der russischen Militärhan­dels­or­ga­ni­sation, mit dem zentralen Kaufhaus der Garnison Wünsdorf untergebracht.
Im Saal des Gebäudes, der mit etwas gutem Willen 200 Personen Platz bietet, prangt über einer flachen Bühne an der Stirnseite das Wappen der Sowjetunion mit den Flaggen aller Sowjetrepubliken, nun dezent in unschuldigem Weis übermalt, doch für Jedermann sichtbar. Fast ein halbes Jahrhundert war Wünsdorf eine „geschlossene Stadt“, Sitz des Oberkommandos der GSSD und des Stabes der 16. Luftarmee der UdSSR.
Am Freitag, den 14. Juni 2019 von 16.00 bis 17.00 Uhr luden die Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf gemeinsam mit dem Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, S.E. Sergej Natschajew, und dem Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Herr Dr. Dietmar Woidke, zu diesem historischen Ort, in das „Bürgerhaus“ ein. Die Vollendung des Abzugs der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland im Sommer 1994 nach fast einem halben Jahrhundert der dauernden Stationierung sowjetischer Truppen hier war der erinnerungswürdige Anlass.
Auch beim anschließenden kleinen Buffet war der deutsch - russische Austausch mit den Gästen gewünscht. Wegen der geringen Platzkapazität waren die geladenen Gäste um Rückmeldung bzw. Weitergabe der Einladung gebeten worden.
Die Gäste im gut gefüllte Saal wurde durch das Klaviersolo Modest Mussorgski's „Auf dem Lande“ wohl recht treffend eingeführt und mit einer ausgewogenen Rede des Ministerpräsidenten hie und da nicht nur erstaunt, sondern mit Zwischenbeifall bedacht. Seiner klaren Standpunkte zu den gegenwärtigen unbefriedigenden Beziehungen zwischen Deutschland und Russland erschienen mir bemerkenswert. Er dankte den damaligen russischen Militärs und in Person dem als Gast anwesenden letzten Chef des Stabes der Westgruppe der Truppen, Generaloberst Anton W. Terentjew, für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Land Brandenburg während der Zeit des Abzugs der Truppen.
Der Botschafter der Russischen Föderation, S.E. Sergej J. Netschajew, rief bei den Anwesenden am Ende seiner in sauberem Deutsch und frei gehaltenen Rede zunächst nachdenkliche Stille hervor, bevor er lange anhaltenden Beifall erhielt angesichts der die Zuhörer berührenden Art, in der er sich Fragen unserer gemeinsamen Geschichte und dem Thema Frieden oder Krieg heute näherte. Er überzeugte als ein sensibler Verfechter guter deutsch – russischer Beziehungen ohne Gefährdung der Interessen Dritter in Europa. Und er erinnerte die Anwesenden daran, dass Europa im Osten erst am Ural endet, und nicht in Polen.
Tichon Cherrnikow's Präludien „Husaren Ballade“ leitete wohl zufällig auf den nächsten Redner hin. Der Vorsitzenden des Vorstandes des Deutsch – Russischen Forums, Herr Matthias Platzeck zog in der ihm eigenen Art, seinem ostdeutschen Scharm und Scharfsinns eine Bilanz der guten und den dramatischen Zeiten in den Beziehungen der Russen und der Deutschen vor und nach der deutschen Einheit. Auch kritisierte er politisch motivierte Ereignisse und Vorgänge in den 5 neuen Ländern nach dem Beitritt 1990 und zeigte deren Folgen auf. Hier waren neue Töne unüberhörbar.
Generaloberst Anton W. Terentjew mahnte angesichts so mancher Erscheinung von Nationalismus und russlandfeindlichen Haltungen in der gegenwärtigen Gesellschaft. Seine Bemerkungen zu gemeinsamen oder höheren Werten der Menschen a la Trump und ein Blick auf die Geschichte Europas und Amerikas sorgten für Heiterkeit. Leider trat er nicht als Vorsitzender seines Veteranenverbandes in Erscheinung, wenn er auch die rund 6 Millionen Sowjetbürger und deren Nachkommen benannte, die in der DDR dienten und aufwuchsen und durchaus die Beziehungen der Waffenbrüderschaft mit der NVA und die Freundschaft mit DDR - Bürgern pflegten. Dann fragte er, wann die anderen einstigen Siegermächte ihre Truppen aus Deutschland abziehen werden, denn es sei längst Zeit... Er benannte alle Nationen und Volksgruppen und die Zahlen ihrer Opfer in der Zeit von Faschismus und Zweitem Weltkrieg, ohne die in Deutschland leider üblich gewordenen, historisch unverantwortlichen Entstellungen und politisch gewollten Einseitigkeiten direkt anzusprechen. Er nahm bei seinen abschließenden Worten Grundstellung ein und brachte die Anwesenden so für einen Moment zur Stille.
Obwohl einige Vertreter des Fernsehens und der Presse anwesend waren, gab es in den überregionalen Medien kaum eine Erwähnung der Veranstaltung, und in den lokalen Medien gab es wieder einmal nur geringe Reaktionen. Dort wirkt die Schere im Kopf zu diesem Thema noch immer.
Den Veranstaltern muss man danken, denn die letztendlich doch als geschlossene Veranstaltung wirkende Zusammenkunft war nach ihrem Inhalt und der Form absolut gelungen. Leider entsprach sie m.E. nach Zeit, Teilnehmerzahl und Beachtung durch die Medien unseres Landes auf keinen Fall der tatsächlichen Bedeutung des gedachten Ereignisses vor 25 Jahren. Und das weder für die Deutschen, noch für die damals betroffenen Menschen der einstigen UdSSR.

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