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Heinrich Mann Gedanken

Der angehängte Text ist zweifelsfrei nicht einfach zu lesen. Er stammt von einem Mann, der unsere Muttersprache beherrschte, wie nur wenige. Er nutzte sie, um Gedanken klar zu formulieren. Eine Kunst, aber eine nützliche.
Zum "Anfüttern" verwende ich wieder mal die Worte "es lohnt sich", denn angesichts bevorstehender Wahlen ist der Text aktuell wie nie.

Viel Spaß also dabei und eine schöne Woche
Lutz Vogt

 

24. Jahrgang | Nummer 16 | 2. August 2021

Der herrschende Typ

von Heinrich Mann

Der folgende Essay erschien erstmals am 19. Januar 1939 in der ein halbes Jahr zuvor von Prag nach Paris geflohenen Neuen Weltbühne. Der Autor hatte ihn dem Chefredakteur mit der Bemerkung geschickt, der Text sei „von zweifelhafter Aktualität, obwohl es geboten bleibt, daran zu erinnern, wer all den Unfug treibt“. Hermann Budzislawski erwiderte, dass er diesen „Aufsatz für den wertvollsten Beitrag halte, den ich seit sehr langer Zeit veröffentlichen durfte“.
Tatsächlich greift er über den Tag hinaus. Nur Monate nach der Veröffentlichung erwies sich Heinrich Manns Bemühen, die „Erkenntnis als einen ‚leidenschaftlichen Zustand’“ gegen „Haß der Nationalitäten, Imperialismus, soziale Schäden und eine Wirtschaft ohne Voraussicht“ zu behaupten, als vergeblich.
Eine „Absetzung des fachmännischen Könnens“ und das Drängen des „dynamischen Impotenten“ zur Herrschaft deuten sich gegenwärtig erneut an. Mit Heinrich Mann ist daher wieder „von Dingen zu reden, die sonst jeder gewußt hat“.

Wolfgang Klein

 

Die Zeitalter sind erkennbar an Typen, die in ihnen vorherrschen. Diese strahlen aus, jeder über das seine, sie gebieten Zustimmung und vereinigen auf sich die begierigen Blicke der Mitlebenden. Sie erhöhen das allgemeine Selbstbewusstsein, bevor sie anfangen, es zu bedrücken. Wer die Wahl hätte, wäre gern wie sie. Der Anteil, den der Gewöhnliche sich von dem Außerordentlichen herausnimmt, heißt Verehrung. Nach zu viel Verehrung wendet man sich ermüdet fort von dem Typ, der vorgeherrscht hatte.

Dermaßen wirkten in der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts die großen Fachmänner, in der ersten die beiden weltweiten Genien. Napoleon und Goethe haben sogar nach ihrem Abscheiden Jahrzehnte hindurch weiter gethront; man verschwand vor ihrem Nachruhm und litt an ihren vergangenen Taten. Alle Begabungen, die auf Goethe unmittelbar folgten, haben um seinetwillen eine merkwürdige Überschattung erfahren. Man sehe die deutsche Romantik. Das französische Lebensgefühl ist herabgedrückt worden, seit ein Einziger über jede Gebühr gelebt und gehandelt hatte. Gleichzeitig kannten Frankreich le mal du siècle, Deutschland den Weltschmerz.

Die großen Fachmänner bezeichnen das wieder ansteigende Lebensgefühl der breiten Schichten Europas und haben es ihrerseits vermehrt. Sie waren kein auserwähltes Paar; alle Gebiete ihrer Tätigkeit zusammengefasst, bildeten sie selbst eine Schicht, sogar eine Masse. Die zweite Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts erscheint als eine geschichtliche Seltenheit: soviel Geist, Können, Ruhm leben sonst niemals gleichzeitig. Aus den humanistischen und technischen Wissenschaften, aus der Literatur, bildenden Kunst und Musik, aus der Staatsführung, Kriegsführung, Religion, Moral, aus der Wirtschaft und Politik einschließlich der revolutionären Kräfte haben damals Namen hervorgeleuchtet ohne Zahl – und blieben erhalten. Das ist das Auffällige: nicht die erhabenen Ausnahmen allein, schon die Darsteller einer gesteigerten Tüchtigkeit waren beispielhaft, haben erreicht, dass sie dauern. Wir kennen sie alle.

Das Zeitalter erging sich, für den heutigen Anblick, unter einem Himmel menschlicher Sterne – was ihm selber nur natürlich vorkam. Es nahm die Unmenge der Leistungen und Talente als geschuldet, es fürchtete keine Abnahme, keinen Rückschlag, da es auf den beständigen, menschlichen Fortschritt vertraute. Das ist nun eine Mystik, und beinahe die gewagteste. Ein Zeitalter, das sich für materialistisch hielt, hat dennoch als übersinnlichen Begriff den Ruhm besessen – noch einmal den starken Glauben an den grenzenlosen Menschen, wie vorher einzig die Renaissance. Die Verewigung als Quittung für die hohen Mühen und ein opferreiches Streben – das ewige Leben auf Erden oder drüben, womöglich beiderseits, ist die letzte Absicht des Neunzehnten Jahrhunderts. Sein spätester Denker, Nietzsche, spricht das Schlusswort, und es heißt: ewige Wiederkehr.

Auf dem Hintergrund eines unvergänglichen Ruhmes hat alles damals sich zugetragen, so wurde gedacht und gehandelt, so trat man auf. Die zeitgenössischen Bildnisse der Persönlichkeiten bezeugen es. Sie glänzen alle vom Ruhm, und wie erst die Gesellschaftsbilder! Der abseitige Schriftsteller in seinem normannischen oder russischen Dorf fühlte um sich den Atem einer Menschheit; er wusste sich berufen, wusste sich überall sichtbar, er war ein Gewissen, der Richter seiner Zeit, und verantwortete sie vor der Nachwelt. Die Erkenntnis als ein „leidenschaftlicher Zustand“ begriffen, ist der innere Mittelpunkt dieses einzigen Zeitalters. Seine „voraussetzungslose Forschung“ ist religiös bestimmt, seine Wissenschaft ist ein Glaube mitsamt dem Martyrium, sein heroisches Bekenntnis heißt: über alles die Kultur, und lieber mein Untergang als ihrer. Wie lang ist das her, wer verstände es noch, obwohl wir sie alle kennen.

Näher als mit ihrer Größe sind wir heute mit ihren Gebrechen vertraut, denn die, und nicht ihre stolze Gesittung, sollten sie uns vererben. Sie sind zugrundegegangen an ihrem Hass der Nationalitäten, ihrem Imperialismus, ihren sozialen Schäden, ihrer Wirtschaft, die ohne Voraussicht war. Daran haben wir zu tragen, und schwerer von Folgen, zu dieser Zeit viel folgenschwerer als ihre Errungenschaften sind ihre Versäumnisse. Sie haben sich ganz genossen, ganz ausgegeben; ihr Nachlass, der uns bleibt, ist bitter. Was hilft es heute, dass sogar die Herde alles Unheils damals noch kulturvoll aussahen; dass politische Machthaber die schöpferischen Geister pflegten, wenigstens schonten, und in den höchsten Fällen ihresgleichen waren. Die gemeinsamen Vorführungen der Mächte, besonders der Berliner Kongress, sahen wahrhaftig nicht nach dem bevorstehenden Ende des „europäischen Konzertes“ aus; sie waren der große Auftritt der öffentlichen Männer Europas.

Der Sinn für die menschliche Größe stritt damals noch gegen den Nationalitätenhass. Der Sinn für die menschliche Auszeichnung hat um ganze Berufe, die Musik, die Bühne, einen seither unbekannten Glanz gelegt, ungerechnet die Gestirne erstes Ranges. Die Erscheinung Wagners beleuchtet festlich den Abend des Jahrhunderts und eines Europa, das ein letztes Mal vor seiner Katastrophe sich schöpferisch gefühlt hat. Der Meister selbst war immer bedacht gewesen, seinen Ruhm universal zu begründen. Die Welt erkannte ihn denn auch als ihr Erzeugnis, nicht als ein deutsches allein, und feierte sich in ihm.

1939 ergeht man sich nicht gerade unter einem menschlichen Sternenhimmel. Nichts leuchtet droben, oder man will nicht aufwärts blicken. Andere Zeiten verloren den Sinn für die göttliche Oberwelt, diese für die menschliche – wovon dann beide Welten wirklich leer werden. Das Neunzehnte Jahrhundert hatte für Gottes Herrlichkeit die Größe der Sterblichen gesetzt; die ist jetzt auch dahin. Der Durchschnitt fühlt sich hoffnungslos gering; einen Fortschritt, wenn es ihn überhaupt gäbe, fürchtet er. Die außerordentlichen Begabungen, er hört von allem anderen lieber. Der Durchschnitt weiß nicht mehr und will sich nicht erinnern, dass die freie Persönlichkeit einst sein Stolz und Vorbild gewesen ist. Die freie Persönlichkeit war jedes Mal erarbeitet worden, mit sehr viel Können auf einem Gebiet. Aber die Arbeit gilt seither weniger, auf die Freiheit wird verzichtet – an der einen Stelle beginnt der Verzicht, auf einer anderen ist er vollendet.

Die Berühmtheiten, oder was man noch so nennt, es sind meistens nur Gegenstände einer Publizität, die mit ihren Namen und Taten flüchtig umspringt: die berühmten Fachmänner verloren ihre höchste Funktion, ein Beispiel und Antrieb zu sein. Was bleibt aber zurück von einem Ruhm, der nicht ausstrahlt, und niemand hält ihn für unsterblich? Ein großer Ruhm ist entweder das Gewissen der Mitwelt, oder er bleibt belanglos. Könner sind vorhanden, obwohl nach Zahl und Gewicht fortwährend verringert. Die angesehensten hat das vorige Zeitalter hier gelassen. Die Erkenntnis ist nicht ausgestorben, einige halten sie, nach wie vor, für das Ziel des Lebens; zum wenigsten behaupten sie ihre eigene Redlichkeit des Denkens vor einer Zeitgenossenschaft, die überwiegend bedacht ist, sich selbst zu belügen. Teilen diese sich nun mit und warnen die Völker vor ihrer neueren Selbstaufgabe, dieser Lässigkeit der Gewissen, dem bequemen Gehorsam – es scheint wohl, dass man solche Blätter einander aus den Händen reißt. Übrigens bleibt es bei der einmal eingeschlagenen Richtung.

Die Entmachtung des Wissens und Könnens ist offenbar kein unvermitteltes Ereignis; das Jahrhundert hatte sie von langer Hand eingeleitet, sonst wäre sie in ihrer nacktesten Form nicht gewagt worden. Niemand hätte vermocht, aus einem der wichtigsten Länder die Intelligenz zu verjagen, sie niederzuschlagen oder zu fesseln: die Intelligenz musste ohnehin geschwächt sein, musste dortselbst recht locker sitzen und aus den Tatsachen nachgerade herausfallen. Ihre Berufung war vordem die Erziehung eines herrschenden Typs auf Grund von Leistungen. Wenn jetzt ein Typ ohne alle Leistung zur Herrschaft drängte und beanspruchte die Herrschaft, gerade weil er nichts geleistet hatte – dann wäre es müßig zu fragen, wie eine ganze Schicht großer Fachmänner gegebenen Falles sich verhalten hätte. Mit ungebrochenem Selbstgefühl erfährt kein Volk ein 1933, und erst recht die Geisteskämpfer nicht.

Der Fall wird niemals wahr werden, dass eine lebendige Masse von Geist, Können, Ruhm sich unter Primitive beugt. Die geistige Schicht von 1890 hätte nicht auswandern müssen, und hätte der Unwissenheit, die als Gewalt hereinbricht, kein einziges Opfer überlassen. Heinrich Hertz und Helmholtz, vor die Auseinandersetzung mit einer „deutschen Physik“ gestellt, das ist natürlich ein Widersinn. Es wurde ihnen einfach nicht zugemutet. Aber mehr, sie und tausend stolze Fachmänner wären, was sie sein sollten, nie geworden, wenn die Zumutung auch nur denkbar gewesen wäre angesichts ihrer gesammelten Selbstgewissheit. Zugegeben, auf der Hintertreppe ihres Zeitalters hat alles schon gewartet, was nachher sich hinaufwagen durfte: deutsche Physik, Rassenschande und die übrigen Erdgebundenheiten. Indessen blieb es mißgeschätzt im Dunkeln, seine Stunde schlug erst, als der Geist ermüdete und die Verehrung ihn satt bekam.

1932 war das Jahr Goethes, vielmehr wurde es ausgegeben für sein Gedenkjahr. Nichts kam in Wirklichkeit so fremd und unerwünscht wie eine Vereinigung in derselben Gestalt von Kunst, Wort, Wissenschaft, von Weltgeist, Menschheit, unverlierbarer Freiheit, persönlicher Größe. Gegen Ende des Jubeljahres wählte die preußische Akademie der Künste, ihre drei Abteilungen gemeinsam, den neuen Präsidenten. Der Vorsitzende der Sektion Dichtung erklärte ihren Anspruch auf die Nachfolge; er tat es unter Berufung auf den gefeierten Goethe, wobei er sich das Seine dachte. Die Versammlung antwortete demgemäß mit Schweigen, unverbindlich über den Tisch äußerte irgendeiner: genug gefeiert. Und das hatten alle im Sinn gehabt. Einer anderen Akademie wäre es vielleicht noch erlaubt gewesen, Racine oder Voltaire als lebendige Kräfte in ihrer Mitte zu haben. Goethe war abwesend, nicht allein aus dem Schoß der Künste; das ganze Deutschland hat ihn 1932 festlich begangen, ohne seiner als eines wirklichen Besitzes bewusst zu werden.

Die Zeit war erfüllt für einen Typ, der nunmehr mühelos die Macht ergriff, eingeübt hatte man ihn. Wer sagt denn, jedes Zeitalter müsse unter einem Sternenhimmel von Könnern leben. Es geht auch anders, zum Beispiel mit der Absetzung des fachmännischen Könnens als eines Wertes, der das Leben fördert. Man hat vielmehr entdeckt, dass gerade das Alles und gar nichts Können eine Kraft entwickelt, oder jedenfalls Wirkungen, die sich gewaschen haben. Das Leben in seiner Unparteilichkeit fragt wenig, welcher herrschende Typ eben jetzt den Betrieb versorgt. Kultur entwerten, Sittlichkeit aufheben, Welt neu verteilen, Denken abschaffen, Menschen als billige Zugabe für Blut und Boden behandeln: auch damit lässt sich verhältnismäßig dauern. Wie lange hatten die entgegengesetzten Neigungen vorgehalten? Die Erkenntnis, die Gerechtigkeit, die Freiheit, der Fortschritt, der hohe Wert der Person: geht das alles leichthin abzulegen, dann – lass fahren dahin.

Das ist ein Standpunkt, und manche, deren Gedanke von den Umständen abhängt, haben ihn. Es ist ein Standpunkt, aber auch ein Hinterhalt. Der Gedanke in seiner notgedrungenen Heimlichkeit rächt sich an der siegreichen Gewalt: er stimmt ihr zu. Wer weiß denn, wie oft man begründet, wo man verabscheut, und was alles die Verzweiflung philosophiert. Der herrschende Typ von grundsätzlich Unberufenen und konstitutionellen Arbeitsscheuen produziert dennoch eines: Macht. Da nun die schöpferischen Kräfte so oder so aus der Macht entfernt sind, nehme man diese, wie man muss. Sie ist unwissend, ist so verschlagen wie roh, einigermaßen blutig, ganz der Verantwortung bar, und sieht man richtig hin, ist sie Lug und Trug, und hat man dafür das Auge, ist sie grotesk. Die Minderwertigen an der Macht sind Mehreres, und immer grotesk. Aus der Zeit des Glanzes holen wir zum Vergleich ein Bildnis hervor, eines von vielen, den Historiker Ranke im Ornat des Rektors der Universität Berlin: welch ein Fürst! Daneben die Herrscher von jetzt, weit übertriebene Karikaturen, wie jedem auffällt, dem Betrachter, Verehrer, zuletzt ihnen selbst.

Seien wir versichert, ihr Wesen hat Falten, wo sie Bescheid wissen, wär’ es nur zur guten Stunde. Können sie ernst bleiben, wenn sie den Leuten den Kopf abhacken, unter Berufung auf die Staatssicherheit? Als gäbe es einen Staat, der nicht sie selbst persönlich sind, und eine Sicherheit, für die gesorgt ist, außer ihrer eigenen. Und wenn sie die ehemaligen Staatsmuseen ausplündern, geschieht es wieder im Sinne der Gleichheit von Staat und Rasselbande. Und wenn sie Juden ermorden, was nur einen Abschnitt ausmacht von ihrer Raumpolitik des Leichenfeldes. Wenn sie den Besitz der „toten Hand“ beäugen – o Gott! wer hat die Hand, die nichts entsendet als nur Tod. Wenn sie die „Volksgenossen“ in den Mund nehmen, wenn ihr unverfrorener Mund sich weder der Demokratie noch der Freiheit entblödet. Wenn sie der Welt mit der Auflösung aller ihrer Reiche drohen, verlassen sich aber einzig auf die Erpressung und hoffen nur, immer werde einer noch feiger sein als sie.

Das alles sieht doch nach Spaß aus. Ein Hauptspaß, mitsamt den Enthauptungen. Dazu der Anspruch, tausend Jahre so fortzumachen, während sie zur guten Stunde durchaus belehrt sind, dass die Posse sie selbst nicht überdauert, und wie lange kann es mit ihnen dauern. Ihre letzte Notverordnung und Wildsau, ihre letzte Filmschauspielerin und Mordtat, ihr letzter öffentlicher Anfall von Raserei mit folgendem Weinkrampf – dann senkt sich der eiserne Vorhang, und es ist genug gespaßt. Einst hat der reinste Mensch, im Schmerz über den zeitlichen Verfall – Nietzsche hat sich selbst den „Possenreißer der neuen Ewigkeiten“ genannt. Seht, wie auf der niedersten Stufe die höchste menschliche Offenbarung ihre verzerrte Wiederkehr findet. Die wollen ewig sein, knausern nicht mit den Jahrhunderten für ihre grausige Posse. Aber der Zustand Europas will, das man sie für ernst und wirklich nimmt – trotz der unabweisbaren Mahnung, man habe es mit Lemuren zu tun, das alles geschehe unterhalb.

Die Macht bewährt wieder ihre Anziehung. Diesmal ist es eine erschwindelte und leere Macht, was für die regierende Stunde gar nichts verschlägt. Eine Macht, die über diese Stunde nicht hinausreicht, ist noch immer sowohl gegenwärtig als dynamisch. Die handelnden Spaßmacher ersetze man durch Herrlichkeiten, so viele in menschlicher Gestalt jemals hier umgingen, der Zulauf könnte nicht größer sein. Als Goethe über Deutschland thronte, pilgerte man gleichfalls dorthin und verehrte. Manche geistreiche Person ist jetzt voll Ablehnung gegen Deutschland mitsamt seinen vergangenen Größen und verneigt sich nur vor seinem heutigen Beispiel. Wie denn anders. Die lebenden Geschlechter sind überall in mäßiger Verfassung, die Leistungen mehr oder weniger erschöpft, und beträchtliche Unruhe greift um sich wegen der Zukunft. Da sieht man einen Typ ganz ohne Leistung, dennoch ein Mehrgehtnicht von Macht aus den Umständen herausholen. Das tut wohl. Es ist verhältnismäßig angenehm, festzustellen, dass Leistungen gar nicht benötigt werden, um dennoch Macht zu haben und sie in schwindelnder Eile über einen Erdteil zu erstrecken.

Die Macht war oft ein Ergebnis des Könnens. Die Impotenz als Macht kommt gleichfalls vor, falls das noch zu beweisen war. Die Macht ist von den menschlichen Trieben der schlechthin fragwürdigste. Ein langes Leben reicht gerade aus, um ihre wechselnden Formen zu gestalten – von dem giftigen Eintagstyrannen, den bald die Polizei abholt, bis zu dem lebensgroßen Untertan. Bleibt bestehen der fruchtbare Mann und gute Herrscher, der die Leute erzieht, sich selbst zu beherrschen. Bleibt noch übrig der Gewalthaber, der seine Gegner am liebsten entmannt, nicht sinnbildlich, sondern mit dem wirklichen Messer. Dies, um Rache an der Natur zu nehmen, da sie seine eigene Männlichkeit vernachlässigt hat.

Man sieht: die Macht führt hinab zum Geschlecht. Bei Wohlgebildeten ist sie mit Scham verbunden. Ein preußischer König, der etwas konnte [Friedrich II. – W.K.], deckte sich gerade darum mit dem „Zufall der Geburt“, der ihn zum Herrn seiner Länder gemacht habe. Ein anderer König [Henri Quatre – W.K.] hat vor dreihundert Jahren den Grund der ersten Demokratie gelegt. Dieser war innerlich machtvoll genug, dass er vermeinte, alle die Seinen sollten die Macht mit ihm teilen. Er adelte die Vertreter der Gemeinen und begab sich unter ihre Vormundschaft, wenn auch mit dem Degen zur Seite. Von innerer Macht erfüllt, findet einer die äußere verdächtig.

Die äußere Macht ist dagegen für den Nichtkönner alles. Niemals wird er sie schamlos genug tätigen und schaustellen – unredlich, spektakelhaft und entmenscht. Der dynamische Impotente ist, mitsamt Verehrern und Nachbetern aller Grade, der herrschende Typ eines verarmten Zeitalters von herabgesetztem Lebensgefühl. Dem ist unheimlich – in jedem Fall wäre dem Zeitalter unheimlich, aber das Erträglichste scheint ihm noch die vollendete Unberufenheit seiner Machthaber. Der Anteil, den der Gewöhnliche sich von dem Außerordentlichen herausnimmt, heißt Verehrung. Nach zu viel Verehrung wendet man sich ermüdet fort von dem Typ, der vorgeherrscht hatte. Das wird auch hier nicht ausbleiben. Wenn Völker ihre Könner fallenlassen mochten und diese sich selbst, dann wäre erdenklich, dass sogar das herrschende Nichtkönnen wieder aus der Mode kommt, nach vollbrachtem Spaß und Grausen. Allerdings ist nötig, dass die einfache Fruchtbarkeit den Mut zu sich selbst bekommt, einen kollektiven Mut. Der vereinzelte Genius wird nicht erfordert: eher die wiedererwachte Kraft von Völkern, und wenn nicht anders, einer Klasse.

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