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- Der heimtückische Mord an den Unteroffizieren Klaus-Peter Seidel und Jürgen Lange
15.12.2025
Seit dem Abend des 15. Dezember 1975 waren die Grenzregimenter GR-3 (Dermbach), GR-9 (Hildburghausen) und GR-15 (Sonneberg) in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die damit einhergehende verstärkte Grenzsicherung war u.a. mit dem Übergang vom 8- zum 12-Stunden-Dienst verbunden - und das bei eisigen Temperaturen. Die Grenzsoldaten hatten auch allen Grund, alarmiert zu sein, denn der aus dem Panzerregiment-14 (Spremberg) desertierte Werner Weinhold war bewaffnet und hatte auf seiner bisherigen Flucht schon bewiesen, dass er zu allem entschlossen war.
Klaus-Peter Seidel und Jürgen Lange gehörten zu jenen tapferen Grenzern, die die Aufgabe hatten, den Deserteur aufzuhalten. Beide waren noch jung und hatten das Leben noch vor sich: Klaus-Peter Seidel war 21, Jürgen Lange hatte erst vor wenigen Tagen seinen 20. Geburtstag gefeiert. Am 18. Dezember schien man dem Deserteur näher als je zuvor zu sein, zumal Weinholds Fluchtfahrzeug am Vormittag in Schnackendorf gefunden worden war. Das Einsatzgebiet der beiden jungen Grenzer lag nur 5 km davon entfernt. Pünktlich um 17.00 Uhr traten Lange und Seidel ihren Dienst an. Ihr Auftrag war die Grenzsicherung im Bereich des 2 km südlich von Harras gelegenen Sicherungspunkts "Waldecke Staudig". Um 18.00 Uhr bezogen sie in einer Erdkuhle zwischen Wald und Grenze Stellung. Die Strapazen der letzten Tage waren auch an Lange und Seidel nicht spurlos vorübergegangen. Beide waren müde und erschöpft und die Nacht war klirrend kalt. Gegen 1 Uhr erhielten sie ihre Nachtverpflegung, eine Stunde später sah der Zugführer des Abschnitts sie noch an einen Baumstumpf gelehnt neben der Erdkuhle sitzen. Kurz darauf scheint Unteroffizier Jürgen Lange sich hingelegt zu haben.
Um 2.15 Uhr schallte ein langer Feuerstoß durch die Nacht. Von unguten Vorahnungen geplagt, eilte der Zugführer zu den Posten. Beim Eintreffen fand er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Klaus-Peter lag auf dem Rücken, Jürgen Lange auf der Seite. Beide hatten das Bewusstsein verloren. Die schweren Schussverletzungen waren unübersehbar. Klaus-Peter Seidel und Jürgen Lange starben, noch bevor ärztliche Hilfe eintreffen konnte. Die Ermittlungen zeigten, dass Weinhold sich bis auf etwa 5 m an seine ahnungslosen Opfer herangeschlichen hatte, bevor er das Feuer auf sie eröffnete. Vier Projektile trafen Jürgen Lange in Rücken und Arme, sieben Geschosse durchdrangen Klaus-Peter Seidels Brustkorb und Beine. Sie waren regelrecht hingerichtet worden. Während die Grenztruppen noch mit Hunden den Wald durchkämmten, befand sich ihr Mörder längst per Anhalter und Bahn auf dem Weg zu Verwandten in NRW.
Dass Werner Weinhold von den westdeutschen Medien zunächst wie ein Held gefeiert wurde, verwundert kein bisschen. Es gab jedoch auch in der BRD viele Menschen, die nicht dulden wollten, dass ein Mörder ungestraft bleiben sollte. So wurde Werner Weinhold auf Druck der Öffentlichkeit schließlich vor Gericht gestellt, doch der Prozess wurde zur Farce. Obwohl der Generalstaatsanwalt der DDR sämtliche Ermittlungsakten, aus denen eindeutig hervorging, dass Lange und Seidel heimtückisch ermordet worden waren, übergeben hatte, hielt es das Schwurgericht Essen nicht für nötig, diese Beweise zu berücksichtigen. Stattdessen stützten sich die Geschworenen bei ihrer Entscheidung ausschließlich auf Weinholds Behauptung, er habe in Notwehr gehandelt und - sprachen den Mörder frei! Als er das Gerichtsgebäude verließ, wurde er mit Blumen empfangen - der "Rechtsstaat" war mit Füßen getreten worden. Der Skandal war riesig. Die öffentliche Empörung war so groß, dass das Urteil vor dem BGH landete. Der kassierte in seiner Entscheidung vom 9.9.1977 das Essener Urteil und verwies den Fall zur erneuten Verhandlung an das Landgericht Hagen. Die dortigen Richter konnten Weinhold nun freilich nicht erneut freisprechen, aber auch sie zogen es vor, das ihnen zur Verfügung stehende Beweismaterial auf eine äußerst befremdliche Weise zu interpretieren - und das, obwohl BRD-Sachverständige die von den DDR-Behörden übermittelten Beweise als absolut stichhaltig bestätigten. Anstatt wegen Mordes wurde Weinhold nur wegen zweifachen Totschlags und bewaffnetem KFZ-Diebstahl verurteilt, und das auch noch unter Annahme einer durch eine psychische Ausnahmesituation verminderten Schuldfähigkeit. Fünfeinhalb Jahre Haft waren auch für BRD-Verhältnisse eine lächerlich geringe Strafe und selbst die saß Weinhold nicht vollständig ab: Nach dreieinhalb Jahren wurde der Doppelmörder am 7.7.1982 wegen guter Führung auf freien Fuß gesetzt.
Wer aber waren die jungen Grenzer, deren Leben auf so kaltblütige Weise ausgelöscht wurden?
Armeegeneral Heinz Hoffmann, seinerzeit Minister für Nationale Verteidigung der DDR, beförderte die beiden jungen Männer posthum zu Unteroffizieren. Ebenfalls posthum wurde ihnen der "Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland" in Gold verliehen.
Nachtrag: Klaus-Peter Seidel und Jürgen Lange wären beinahe nicht die einzigen Opfer Werner Weinholds geblieben: Anfang Januar 2005 schoss der Mörder der beiden jungen Grenzer auf einen Bekannten. Der Mann erlitt schwere Verletzungen, doch er überlebte. Werner Weinhold erhielt zweieinhalb Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung und lebte bis zu seinem Tod am 2. Mai 2024 unbehelligt in Marl.
Dr. Dörte Hansen