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Antikommunistische Legende entlarvt

Ein Buch Holger Michaels über den „Hitler-Stalin-Pakt“

 Antikommunistische Legende entlarvt

2008 erschien die erste Auflage eines Buches von „RotFuchs“-Autor Holger Michael, das der Essener Verlag Neue Impulse nun unter dem Titel „Der ‚Hitler-Stalin-Pakt‘. Historische Wirklichkeit gegen propagandistische Täuschung“ neu herausbrachte. Der Autor hat den Band um zwei wichtige Kapitel erweitert.

Seine Grundthesen hatte er 2008 so zusammengefasst: Der Nichtangriffsvertrag zwischen dem faschistischen Deutschen Reich und der sozialistischen Sowjetunion von 1939 sei im Westen Grundlage für eine Legende geworden, „die zum ständigen Repertoire des weltweiten Antikommunismus wurde und inzwischen einen festen Platz im Geschichtsbewusstsein von Millionen Menschen eingenommen hat.“ Aus dem Vertrag wurde dabei ein „Pakt“, obwohl er keinerlei militärische Zusammenarbeit vorsah, die Vertragsunterzeichner Molotow und Ribbentrop wurden durch Stalin und Hitler ersetzt. Das suggeriere eine Kumpanei, die es nie gab. Der Vertrag habe aber von Anfang auch unter Kommunisten, Linken und Freunden der Sowjetunion nicht nur Befürworter gefunden.

Heute läßt sich sagen: Je mehr die NATO Hetze und militärischen Aufmarsch gegen Rußland steigert, desto mehr wird diese Legende fundamentalistisch vertreten. Das fand 2019 mit der Ausrufung des 23. August zum „Europäischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus“ durch das EU-Parlament seinen vorläufigen Höhepunkt.

Der Autor handelt sein Thema in sieben Kapiteln ab. Er beginnt mit einem Überblick über die sowjetische Außenpolitik vom März 1918, als „die russischen und ausländischen Konterrevolutionäre bis auf ein Fünftel“ das Staatsgebiet Sowjetrußlands besetzt hatten, bis zum März 1939, als die Hakenkreuzfahne über Prag wehte und Nazideutschland das litauische Memel (Klajpeda-)gebiet besetzte. Ermöglicht hatten das Frankreich und Großbritannien mit dem Münchner Abkommen vom September 1938. Im zweiten Kapitel geht Michael dem polnisch-russischen Konflikt jener beiden Jahrzehnte nach und umreißt im Kapitel „Von Prag nach Moskau“ die unmittelbare Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages. Er weist die westlichen Darstellungen, Stalin habe eine Wahl gehabt, oder der Vertrag sei überraschend zustande gekommen, zurück, vielmehr sei „Polen den westlichen Interessen geopfert“ worden. Zudem vertritt er die Auffassung, das Geheime Zusatzprotokoll, dessen Existenz die Sowjetunion lange bestritt, habe kein Zusammenwirken von Wehrmacht und Roter Armee nach sich gezogen. Das Abstecken von Einflußsphären, das keine Annexion bedeute, sei legitim. Sein Fazit: „Hätte die UdSSR den Einmarsch unterlassen, so hätte man sie allein deshalb kritisieren müssen“ – trotz der tragischen Folgen für die polnische Bevölkerung.

Seine wichtigste neue Erkenntnis gibt Michael im Kapitel unter dem Titel „Der Ostslawische Volksaufstand in Ostpolen“ wieder. Dieser Aufstand werde in Polen und der BRD totgeschwiegen. Er nennt den Vormarsch der Roten Armee ab dem 17. September 1939 einen „Befreiungsfeldzug“ für die Ostslawen, d. h. Belorussen und Ukrainer, den es nach heutiger polnischer Betrachtungsweise nicht gegeben hat, sowie für Juden und Litauer. Ukrainische Nationalisten der OUN haben demnach am 12. September 1939 den Aufstand begonnen und dabei Massaker an ethnischen Polen verübt. Die Rote Armee sei vom größten Teil der von der OUN beeinflußten Bevölkerung herzlich begrüßt worden. Am 17. September 1939 hätten dann Belorussen unter Führung linker Politiker zu den Waffen gegriffen und mehrere Städte vor dem Eintreffen der Roten Armee erobert, wobei das Zentrum des Aufstandes auf dem Lande lag. Es habe sich nicht, wie oft dargestellt, um von der Sowjetunion entsandte „Diversanten“ gehandelt, sondern um Einheimische. Wo die polnischen Behörden dazu in der Lage waren, reagierten sie brutal mit Niederbrennen von Dörfern und Erschießungen. Bis heute werde von der polnischen Rechten die antisemitische Lüge verbreitet, Juden seien beim Aufstand führend gewesen.

Als „Geschichtsfälschung“ entlarvt Michael sowohl das angebliche Militärabkommen zwischen Moskau und Berlin vom 20. September 1939 als auch die „Siegesparade“ von Wehrmacht und Roter Armee im belorussischen Brest: Nach anfänglicher Weigerung hatten demnach die Deutschen in der Festungsstadt einem Abzug zugestimmt, verlangten aber eine gemeinsame „Parade“. Das wurde abgelehnt, es gab einen Vorbeimarsch der beteiligten Truppen vor ihren Kommandeuren Kriwoschein und Guderian. Dennoch gehört die angebliche „Waffenbrüderschaft“ von Brest als Beleg für die Legende vom „Hitler-Stalin-Pakt“. Zugleich räumt Michael ein, daß es bei aller Illusionslosigkeit über die deutschen Absichten zu verbalen Freundschaftsbekundungen Moskaus kam, die „politisch, ideologisch und moralisch der UdSSR unwürdig“ waren – von ungerechtfertigten Äußerungen über den polnischen Staat bis zu Lobpreisungen Hitlers. Der Verfasser erinnert zugleich daran: „Faktisch ganz Europa arbeitete für die deutsche Kriegsindustrie, und massiver Widerstand dagegen war noch nicht erkennbar.“

Es gibt kaum eine andere deutschsprachige Publikation zu diesem Themenkomplex, die so kenntnisreich und detailliert den westlichen Geschichtsmanipulationen entgegentritt. Die Neuauflage von Michaels Buch entlarvt ein Kernstück der Propaganda, mit der die imperialistische Aggression gegen Rußland begleitet wird.

 

Arnold Schölzel

Holger Michael: Der „Hitler-Stalin-Pakt“. Historische Wirklichkeit gegen propagandistische Täuschung. Neue Impulse Verlag, Essen 2021, 260 Seiten, 14,80 Euro

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