Liebe Genossen, wir veröffentlichen einen  Artikel von Rolf Berthold zum 90. Jahrestag der Gründung der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Genosse Berthold ist einer der besten Kenner der Volksrepublik China und ihrer Geschichte.
Er studierte in den 50er Jahren in der Volksrepublik, war in der DDR-Botschaft in China und Vietnam eingesetzt und von 1982 bis 1990 Botschafter  der DDR in der Volksrepublik  China. Er unterhält  auch heute noch enge Beziehungen nach China.

 

Zum 90. Jahrestag der Gründung der chinesischen Volksbefreiungsarmee

von Rolf Berthold

Ein wichtiges Ereignis  der chinesischen Revolution war die Gründung der Volksbefreiungsarmee am 1. August 1927.
Nach der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas 1921 entwickelte sich die erste Zusammen-arbeit mit der bis zu seinem Tod im Jahre 1925 von Sun Yatsen geführten Guomindang und dem daraus entstandenen revolutionären Aufschwung gegen Imperialismus und Feudalismus. Im April 1927 inszenierte Tschiang Kaischek  einen konterrevolutionären Putsch in Shanghai, im Juli 1927 verkündete die Guomindang offiziell den Bruch mit der KPCh. Tschiang Kaischek errichtete ein diktatorisches Regime als Interessenvertreter der Großgrundbesitzer und der Großbourgeoisie.
Im Juli 1927 beschloss die Parteiführung der KPCh, die von ihr geleiteten Truppen in Nanchang zu konzentrieren. Unter Führung von Zhou Enlai und Zhu De fand am 1. August 1927 in Nanchang ein Aufstand statt, es war der Beginn des von der Kommunistischen Partei geleiteten bewaffneten Widerstandes gegen die Guomindang, die Geburtsstunde der chinesischen Volksbefreiungsarmee.
Nachdem die Rote Armee bei Angriffen auf zahlreiche Städte schwere Niederlagen hinnehmen musste, gelang es der Guomindang, den zentralen Stützpunkt Jinggang Shan einzunehmen. Die Truppen von Tschiang Kaischek wurden dabei von deutschen Generalen beraten. Aber Richard Sorge, der sich zu dieser Zeit in China aufhielt, konnte diese Pläne erkunden und dem Kommando der Roten Armee zuspielen. So wurde ein geordneter Abzug der Roten Armee ermöglicht. In der Führung der KP Chinas setzte sich die Richtung durch, ausgehend vom Land die Städte zu umzingeln und später einzunehmen. Es begann der Lange Marsch  Im Januar 1935 wurden die Lehren aus der schwierigen militärischen Lage gezogen und Li De (Otto Braun), der leitende Militärberater der Kommunistischen Internationale, von seinem Einfluss getrennt.

In opferreichen Kämpfen und auf schwierigsten Wegen erreichten die Truppen der Roten Armee im Herbst 1936  Nordchina und bildeten schließlich das befreite Gebiet, das mit dem Namen Yanan verbunden ist. Im Oktober 1936 wurde der Lange Marsch erfolgreich beendet.
1937 begann der gesamtnationale Widerstandskrieg gegen Japan, nachdem Tschiang Kaischek zu einer zweiten Einheitsfront mit den Kommunisten gezwungen werden konnte und nachdem Japan im Juli 1937 einen allumfassenden Angriffskrieg gegen China vom Zaun brach. Die  Hauptkräfte der Roten Armee wurden als 8. Feldarmee in die Nationalrevolutionäre Armee eingegliedert. Mit der Entwicklung des Partisanenkrieges bildete sich eine zusätzliche Front im Widerstandskrieg gegen Japan. Im Mai 1938 hielt Mao Zedong die Rede unter dem Titel „Über den lang andauernden Krieg“. Es war das programmatische Dokument der Partei für die Führung des antijapanischen Widerstandskrieges.
An dieser Stelle sei Hans Grzyb erwähnt, ein deutscher Kommunist, der seit 1925 öfter in China weilte. Er schrieb zahlreiche Artikel für Publikationen der Kommunistischen Internationale. 1941 hielt er sich im Stützpunkt des antijapanischen Widerstandskrieges in der Provinz Shandong auf. Er griff gegen angreifende japanische Truppen selbst zur Waffe und fiel in dieser Schlacht am 31.11.1941. Er wurde auf dem Heldenfriedhof Lin Yi bestattet, ein Denkmal und eine Ausstellung ihm zu Ehren wurden dort errichtet. Es handelt sich meines Wissens um den einzigen deutschen Kommunisten, der im bewaff-neten revolutionären Kampf des chinesischen Volkes ums Leben kam.

Nach dem Überfall der deutschen Faschisten auf die Sowjetunion griff Japan im Dezember 1941 den Stützpunkt Pearl Harbor und weitere Besitzungen der USA und Großbritanniens an. Der internationale Faschismus wurde zum gemeinsamen Feind der Völker der Welt. Der chinesische Kriegsschauplatz wurde im antifaschistischen Weltkrieg zum Hauptkriegsschauplatz im Osten, er trug die Hauptlast des Kampfes gegen die Hauptkräfte der Landstreitkräfte Japans. 1944 entfalteten die chinesischen Volksstreitkräfte Gegenangriffe gegen die japanischen und ihre chinesischen Marionettentruppen.
Im 1. Halbjahr begannen die von der KP Chinas geführten Truppen die Sommeroffensive. Am 9.8.1945 rief Mao Zedong zur „Letzten Schlacht gegen die japanischen Eindringlinge“. Am 2.9. hat der japanische Vertreter die Urkunde über die Kapitulation gegenüber den Alliierten unterzeichnet. Der antijapanische Widerstandskrieg Chinas war siegreich beendet, der antifaschistische Weltkrieg war ebenfalls siegreich beendet. Die von der Partei geführten Kräfte vernichteten 1.714.000 Angehörige der japanischen und der Marionettentruppen. Die Zahl der Opfer der chinesischen bewaffneten Kräfte und der Bevölkerung betrug 35 Millionen. Die chinesischen Volksstreitkräfte haben einen wichtigen Beitrag zum Sieg der Antifaschistischen Koalition im II. Weltkrieg geleistet.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges wollte Tschiang Kaischek die völlige Herrschaft über China erreichen. Mit Unterstützung der USA führten sie Angriffe gegen die von den Truppen der KP Chinas kontrollierten Gebiete. Der Bürgerkrieg brach aus. Am 10.10.1947 gab das Oberkommando der Volksbefreiungsarmee die Losung aus: „Tschiang Kaischek niederschlagen, ganz China befreien“. Am 31.1.1949 wurde Beijing friedlich befreit. Ende April 1949 entfaltete die Volksbefreiungsarmee eine umfassende Offensive zur Befreiung der südlichen Regionen. Am 23.4.1949 wurde die Hauptstadt der Guomindang - Regierung, Nanjing, besetzt.

Am 1. Oktober wurde die Volksrepublik China gegründet, Zhu De wurde zum Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee ernannt. Bis Oktober1950 wurden Guomindang - Truppen mit 1,28 Millionen Mann vernichtet und außer Taiwan und einigen Inseln das gesamte Territorium Chinas befreit.  

In der Geschichte der VR China gab es mehrere in- und ausländische Einsätze der Volksbefrei-ungsarmee.
Im Juni 1950 brach der Koreakrieg aus. Die USA-Aggressionstruppen überschritten den 38. Breitengrad, drangen bis an die koreanisch-chinesische Grenze vor und bombardierten grenznahe Gebiete in China. Auf Bitte der koreanischen Partei und Regierung rückten die chinesischen Volksfreiwilligen am 19.10.1950 in das koreanische Schlachtfeld ein. 70% der Kräfte der Volksbefreiungsarmee waren als Volksfreiwillige in Korea eingesetzt (china.org 29.7.2003). Gemeinsam mit der koreanischen Volksarmee wurden die „UNO Truppen“ unter Führung der USA auf die Höhe des 38. Breitengrades zurückgetrieben. Am 27.7.1953 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet.
Vom 17.2. bis 16.3. 1979 gab es einen chinesisch – vietnamesischen bewaffneten Konflikt zur „Bestrafung“ Vietnams, das mit militärischen Mitteln Ende 1978 Pol Pot in Kambodscha entmachtet hatte. Das 3. Plenum des XI. ZK der KPCh, mit dem die politische Wende zur Beendigung der Kulturrevolution eingeleitet wurde, fand Ende Dezember 1978 statt, einige neue Mitglieder des Politbüros wurden gewählt, aber Hua Guofeng wurde als Ministerpräsident, Vorsitzender des ZK der KP Chinas und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission noch nicht abgelöst. Der bewaffnete Kampf gegen Vietnam erfolgte noch unter seinem Kommando. Er verkündete am 16.3.1979 den Rückzug der Truppen.

Nach der 3. Tagung des XI. ZK  wurde die Einschätzung getroffen, dass ein Weltkrieg verhindert werden kann. Auf dieser Basis wurde 1985 der Beschluss gefasst, die Zahl der Streitkräfte um 1 Million zu verringern und die Modernisierung der Streitkräfte zu intensivieren.
Im Zusammenhang mit der Notwendigkeit, den konterrevolutionären Putsch vom Mai/Juni 1989 niederzuschlagen wurde in der Hauptstadt Beijing der Ausnahmezustand verhängt. Der Tiananmen - Platz  wurde am 4.6.1989 von den Besetzern geräumt (von Armeeeinheiten, aber ohne Waffen!).

Im Mai 2015 wurde das jüngste Weißbuch über die Militärstrategie der VR China veröffentlicht. Darin heißt es: China geht konsequent den Weg der friedlichen Entwicklung, die chinesische Armee ist zuverlässige Kraft zur Wahrung des Weltfriedens. Eine schlagkräftige Landesverteidigung und eine starke Armee aufzubauen ist eine Sicherheit für die friedliche Entwicklung Chinas. China ist ein großes Entwicklungsland und ist mit unterschiedlichen Sicherheitsbedrohungen konfrontiert. Kern der Militärstrategie ist eine aktive Verteidigung, das entspricht dem sozialistischen Charakter Chinas. Die absolute Führung der Armee durch die KP Chinas ist grundlegendes Prinzip der Militärpolitik. China befolgt konsequent die Politik, nicht als Erster Kernwaffen einzusetzen, es führt kein nukleares Wettrüsten mit anderen Ländern. China betreibt die Entwicklung bündnisfreier, konfrontationsfreier, nicht gegen Dritte gerichteter militärischer Beziehungen mit anderen Ländern. Es beteiligt sich an UNO-Friedensmissionen.

Die VR China hat heute eine starke, moderne Armee, sie führt eine aktive Politik als sozialistisches Entwicklungsland, das  eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen spielt. Es ist deshalb nicht zu akzeptieren, wenn die VR China als „autoritär geführter Staat“ bezeichnet und mit der Türkei und  Saudi Arabien auf eine Stufe gestellt wird, wie kürzlich zu lesen war. Die VR China bezeichnet sich auch nicht als „Großmacht“, sondern als verantwortungsbewusstes großes Land. Das chinesische Volk kämpft für die Verwirklichung des chinesischen Traums von der  nationalen Renaissance und hofft zugleich, mit allen Ländern der Welt gemeinsam den Frieden zu wahren, nach gemeinsamer Entwicklung zu streben.