Zu Gast bei der Deutschen Marine

von Admiral Theodor Hoffmann

Die deutsche Marine (ehemals Bundesmarine) führte jährlich eine Historisch-Taktische Tagung durch. Im Jahre 2018 fand die 58. Tagung dieser Art statt.
Das Thema der Tagung lautete: „Menschen in Grenzsituationen – Handeln und Führen im Widerstreit von Moral und Maßgabe, Wahrnehmung und Wirklichkeit.“
An der Veranstaltung nahmen über 500 Seeoffiziere teil. Anwesend waren fast alle noch lebenden Inspekteure der Bundesmarine/Deutschen Marine und auch die ehemaligen Flottenchefs. Gast der Veranstaltung war ein Staatssekretär des Bundesministeriums der Verteidigung und auch der Bundespräsident war einige Stunden anwesend. Er hielt ein Grußwort.
Im November 2017 erhielt ich vom Stellvertreter des Inspekteurs und Befehlshaber der Flotte eine höfliche Einladung zur Tagung.
Ich war mir nicht sicher, ob meine Teilnahme an der Veranstaltung zweckmäßig ist. Nach einem Gedankenaustausch mit Generaloberst a.D. Streletz und Generalleutnant a.D. Grätz sagte ich zu, an einem Tag - sie ging über drei Tage – an der Veranstaltung teilzunehmen, wenn ich gesund sein sollte und die Straßenverhältnisse es erlauben.
Mir wurde daraufhin mitgeteilt, dass man meinen An- und Abtransport übernimmt. Wir (auch Vizeadmiral a.D. Born, Chef der Volksmarine 1989/90 war anwesend) wurden zur Veranstaltung freundlich begrüßt und entsprechend den von uns bekleideten Dienststellungen eingeordnet.
Während der dreitägigen Tagung wurden neun Vorträge gehalten, vorwiegend zu Personen und Ereignissen in Grenzsituationen, und dabei auch immer der Bezug zur Gegenwart hergestellt.
Den Vorträgen schloss sich eine kurze Diskussion an.
Von den neun Vorträgen wurden fünf von weiblichen Seeoffizieren gehalten.
Die Vortragenden gehörten zur jungen Generation und waren 1985 oder später geboren. Die Vorträge hatten durchweg ein hohes theoretischen Niveau, waren sachlich und mit großem Selbstbewusstsein vorgetragen.
Ein Vortrag lautete: „Wanderer zwischen den Welten – Admiral Hoffmann in Zeiten der Wende.“
Der Referent, Oberleutnant zur See Gärtner, hatte vorab mit mir eine persönliche und zweimal eine telefonische Konsultation.
Im Vortrag ging es um die NVA im Herbst 1989 und im Vorfeld des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD.
Zu diesem Vortrag gab es die meisten Fragen, die Vizeadmiral Born und ich beantworteten. Für unsere Antworten erhielten wir Beifall. Es ist offensichtlich so, dass die jüngere Generation, die ja 1990 noch nicht einmal eingeschult war, wenige Kenntnisse von den Ereignissen 1989/1990 hat. Das bestätigte mir auch Vizeadmiral Born, der länger als ich an der Veranstaltung teilnahm und sich noch vielen Fragen stellen musste.

Wie ist mein Fazit?
Solche Veranstaltungen sind zweckmäßig. Neben der Vermittlung von Kenntnissen haben sie einen großen erzieherischen Wert und tragen zur Festigung des Zusammengehörigkeitsgefühls bei.

Die Teilnehmer an der Veranstaltung hinterließen einen sehr disziplinierten Eindruck und ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl.
Ich war darüber erstaunt, welchen Platz die weiblichen Seeoffiziere in der Deutschen Marine haben. Sie nehmen tatsächlich Dienststellungen an Bord ein.
Der Stellvertreter des Inspekteurs und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte überreichte Frau Kapitänleutnant Merkl die Urkunde über die Zulassung zur Führung eines Minenräumbootes.
Erinnern wir uns doch noch daran, dass 1990 die meisten Stellen für weibliche Armeeangehörige der NVA in Zivilstellen umgewandelt wurden.
Ins Auge fiel auch der ungezwungene Umgang der teilnehmenden Offiziere mit den höchsten ehemaligen und gegenwärtigen Vorgesetzten.
Es bleibt die Frage, ob der Entwurf des Traditionserlasses allein den Umgang der Bundeswehr mit der Geschichte der NVA bestimmt, oder ob Soldaten dazu auch eine eigene Meinung haben dürfen.