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Profitgier und religiöser Wahn gebieten „Weltbeherrscher“

Weltbeherrscher

Dieser Tage hat der Frankfurter Westend-Verlag eine aktualisierte und erweiterte Neuausgabe von Armin Wertz' Studie „Die Weltbeherrscher – Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA“ vorgelegt. Für die Dokumentation derselben hat der Autor übrigens höchstoffizielle Quellen des US-Kongresses ausgewertet.


Schon während der Lektüre dieses Buches kann man verstehen, warum in vielen Teilen der Welt ein ganz besonderer Witz immer wieder kolportiert wird: „Warum hat es in den USA noch nie einen Putsch gegeben? - Weil in Washington keine US-Botschaft existiert!“

In seiner Einleitung schreibt Armin Wertz diesbezüglich sehr deutlich: „Es gibt zahlreiche Methoden, mit denen Regierungen Einfluß auf die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in fremden Staaten, ja ganzen Kontinenten nehmen können und dies auch tun. Sie können diplomatischen Druck ausüben, andere Staaten isolieren, mit protektionistischen Maßnahmen (…) wirtschaftliche Sanktionen verhängen, Konten einfrieren, Oppositionsparteien finanzieren... Dazu existieren zahlreiche Organisationen, die zumeist (…) von den Vereinigten Staaten kontrolliert und gesteuert werden.

Wenn diese Formen der Einflußnahme in die Angelegenheiten ausländischer Staaten nicht zum gewünschten Erfolg führen, greifen die Vereinigten Staaten oftmals in noch massiverer Weise ein. In zahlreichen Geheimdienstoperationen destabilisieren sie Staaten und Regierungen, um einen Wandel [sog. regime change; SRK] herbeizuführen. Regierungen, die Washingtons Interessen nicht ausreichend berücksichtigen, werden gestürzt, gelegentlich werden widerspenstige Politiker kurzerhand ermordet.“ (S. 9)

Der dies so offen ausspricht, ist weder Kommunist noch Russe, wie man als naiver Bundesbürger vielleicht annehmen könnte. Nein, Armin Wertz ist ein bürgerlicher Journalist, der kritisches Denken und Hinterfragen nicht verlernt hat. So arbeitete er u.a. von 1976 bis 1979 als Nachrichtenredakteur beim „Stern“ und von 1982 bis 1985 als Auslandsredakteur beim „Spiegel“. Als ständiger Korrespondent schrieb er des Weiteren für die „Frankfurter Rundschau“ und den Züricher „Tages-Anzeiger“. Seine Quellen sind auch nicht „RT Deutsch“ oder „Sputnik News“ aus Moskau, sondern „...eine 1962 von US-Außenminister Dean Rusk vorgelegte Liste sowie die 1975 vom amerikanischen Kongress erstellte Chronik aller Einsätze von US-Truppen und -Agenten im Ausland zwischen 1798 und 1945.“ (S. 11) Diese Listen hat Wertz dann anhand offen zugänglicher Quellen bis in die Gegenwart fortgeschrieben und jedem chronologischen Abriss kurze einführende und wertende Texte vorangestellt.


„Bis der ganze grenzenlose Kontinent unser ist.“

Wertz macht dabei drei Phasen der US-Weltbeherrschungspolitik aus, die erste („Der Souverän der westlichen Hemisphäre“) datiert er auf den Zeitraum von 1794 bis 1945. Diesem Kapitel stellt er einen Spruch voran: „Mehr, mehr, mehr... Bis der ganze grenzenlose Kontinent unser ist.“

Was er in der Einleitung zu diesem eher unbekannten Kapitel schreibt, das soll hier deshalb etwas ausführlicher wiedergegeben werden:

„Es ist schon seltsam, wie lange sich die Legende von der amerikanischen Isolationspolitik in der offiziellen Geschichtsschreibung halten konnte. Selbst ein oberflächlicher Blick auf die Geschichte der US-Außenpolitik zeigt, daß diese Mär in völligem Widerspruch zu den historischen Fakten steht. Die imperiale Politik der USA setzte eben nicht erst mit der Machtergreifung der Bush-Dynastie ein, sondern bereits weit früher, keine zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit.

Schon die Gründung der Vereinigten Staaten und die spätere Ausdehnung über den nordamerikanischen Kontinent wurden nur mit der Zerschlagung zahlreicher indianischer Nationen erreicht. (…) Die Einheimischen wurden die ersten Opfer amerikanischer Machtansprüche. Um sich ihr Land anzueignen, schlossen die USA 800 Verträge mit den verschiedenen indianischen Nationen. Rund 430 davon wurden vom Kongress nicht ratifiziert. Dennoch wurde von den Indianern erwartet, daß sie sich an die Bestimmungen dieser Verträge hielten. Noch tragischer jedoch war, daß die USA von den 370 Verträgen, die ratifiziert wurden, nicht einen einzigen einhielten.“ (S.13)

Solches (außenpolitisches) Agieren der USA kann man übrigens buchstabengetreu noch heute beobachten...

Wertz schreibt weiter: „Als die ersten Europäer an der Ostküste eintrafen, lebten zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Indianer in dem Land, das heute die Vereinigten Staaten sind. Ende des 19. Jahrhunderts waren gerade noch 250.000 übrig. (…) [Die USA; SRK] folgten den Vorstellungen der bigotten 'Pilgrim Fathers', die nur zwanzig Jahre nach ihrer Ankunft in einer Resolution ihre Ansprüche sehr klar formuliert hatten: '1. Die Erde und alles darin ist Gottes. 2. Gott mag die Erde oder irgendeinen Teil davon seinem auserwählten Volk geben. 3. Wir sind sein auserwähltes Volk.'  (S. 13-14) 1912 stellte Präsident William Howard Taft klar: '...Die ganze westliche Hemisphäre wird uns gehören, tatsächlich gehört sie uns aufgrund unserer rassischen Überlegenheit moralisch schon heute.'

Expansionismus und eine vermeintliche schicksalhafte Bestimmung (Manifest Destiny) beherrschten das Denken und Handeln der Siedler wie der Präsidenten. Staaten wurden annektiert, die seit Jahrtausenden dort ansässigen Indianer mit Feuer, Hunger und pockeninfizierten Decken ermordet, ausgerottet oder in Reservate gesperrt. (…) Zwar haben die USA in ihrer langen Geschichte nur in elf verschiedenen Fällen (in fünf Kriegen) formal einer anderen Nation den Krieg erklärt. Doch militärische Interventionen, grobe, aber auch subtilere Einmischungen in die Angelegenheiten anderer Staaten begannen schon kurz nach der Unabhängigkeit der USA.“ (S. 14-16)

Von Anfang an blieb man nicht auf dem nordamerikanischen Festland. Bemerkenswert ist das, was Wertz zu Santo Domingo 1798-1800 schreibt: „Der Hintergrund: (…) im heutigen Haiti, dem einzigen erfolgreichen Sklavenaufstand der Geschichte, der 1804 in die Unabhängigkeit Haitis führen sollte. Der Tabakpflanzer und US-Vizepräsident Thomas Jefferson, der selbst 187 Sklaven besaß, fürchtete den Einfluß, den eine erfolgreiche Sklavenrevolution unter den eigenen Sklaven haben könnte...“ (S. 17)

Doch die USA beließen es nicht mit dem nahen Ausland, bald schon erklärte man Territorien Tausende oder Zehntausende Seemeilen entfernt zu Interessensphären der USA. Bereits 1801-1805 griffen US-Kriegsschiffe mit Kanonen und Marineinfanteristen in Nordafrika die Herrschaftsgebiete des Paschas von Tripolis an. So wurde Libyen nicht erst seit Ghaddafi zur Zielscheibe der US-Aggressionspolitik... Ins frühe Visier der USA geriet auch Kuba und zwar bereits 1809. Treibende Kraft war hier ebenfalls Thomas Jefferson, inzwischen US-Präsident. Und nach wie vor gilt dieser sklavenhaltende Jefferson nicht wenigen Linken als Lichtgestalt von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten... Auf US-Interventionen etc. in Lateinamerika soll aber im Weiteren nicht näher eingegangen werden, denn sie sind Legion...

1813-1814 traf es dann auch schon die pazifische Inselwelt, wo die USA auf den Marquesas ihren ersten polynesischen Flottenstützpunkt erreichten wollten. 1815 war dann wieder Nordafrika an der Reihe und zwar Algier. 1827 geriet auch schon Griechenland ins Blickfeld der US-Kriegsmarine; 1832 dann Sumatra in Südostasien und 1843 erstmalig China sowie 1871 auch Korea. Das Gebiet des heutigen Syrien wurde bereits 1903 erstmals von US-Marineinfanteristen heimgesucht...

Und schon in jenen frühen Jahren gab es – wie auch im 21. Jahrhundert immer noch – stets ein- und dieselbe Begründung: „um amerikanische Interessen zu schützen“. An vielen Beispielen macht Wertz deutlich, vorin diese Interessen bestehen: Es sind allein die Interessen der Bergbau- und Erdölkonzerne, der Bananen-Konzerne (United Fruit) und die der Großbanken. Die allein darin bestehen, ungehindert in fremden Ländern Maximalprofite zu erzielen. So verabschiedete z.B. der Kongress im Jahre 1856 ein Gesetz, dem zufolge die USA jedwede Insel mit Guanofundstätten, die US-Bürger für sich reklamierten, annektieren dürften. Natürlich ohne die Einheimischen darüber zu befragen... (S. 47) Eine andere Tatsachen auf den Kopf stellende Schutzbehauptung für Interventionen und Aggressionen lautet nach wie vor wie folgt: „in Selbstverteidigung“...

Interveniert wurde auch schon damals immer dann, wenn angeblich die Demokratie in Gefahr war (von Menschenrechten sprach man damals noch nicht, intensiver dafür von Religionsfreiheit). Was es mit der Demokratie nach US-amerikanischer Lesart auf sich hat, das verdeutlicht Wertz mit diesem Zitat:

„Mit anderen Worten: Wenn ein Kandidat gewählt wurde, den die USA ablehnten, waren die Wahlen gefälscht und erforderten Intervention. Die Wahlen galten nur dann als fair und demokratisch, wenn Washingtons Favorit gewann.“ (S. 70)

Oder mit diesem zu Haiti: „Die von den USA geschriebene Verfassung wurde 1919 durch ein Plebiszit angenommen, an dem sich weniger als fünf Prozent der Wahlberechtigten beteiligten. Dennoch bestätigte das State Department die Rechtmäßigkeit des Plebiszits mit dem Hinweis, daß 'die Leute, die abstimmten, ohnehin zu 97 Prozent Analphabeten waren und in den meisten Fällen nicht verstanden, worüber sie abstimmten.'“ (S. 77)

Bemerkenswertes über US-Interessen und vorgebliche Religionsfreiheit erfährt man auch zu Mexico 1927-1929: „Die neue 1917 geschriebene Verfassung hatte die katholische Kirche als weltliche Institution im Land abgeschafft. (…) Die katholische Kirche, bis dahin der reichste Grundbesitzer im Lande, wurde enteignet. Religionsunterricht und kirchliche Schulen (…) wurden verboten. (…) Fanatische Glaubensanhänger Roms rebellierten mit der Gründung von 'Einheiten der Liga zur Verteidigung der Religionsfreiheit'. (…) Diese Rebellen zerstörten die staatlichen Schulen und ermordeten Hunderte junger Lehrer, die aufs Land geschickt waren, um den Bauern und Kindern dort Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.“ (S. 85-86) Natürlich mussten da die USA wegen solcher gravierender Verletzungen von Menschenrecht und Religionsfreiheit eingreifen und versorgten die „christlichen Rebellen“ mit „militärischer Ausrüstung, Waffen und Militärberatern“. (S. 86)

 

Die Führungsmacht „des Westens“

Inzwischen aber hatte sich – auch infolge beider Weltkriege – die Welt verändert, die Arbeiterbewegung an Einfluss gewonnen und in Europa waren die meisten Monarchien durch Republiken ersetzt worden. Vor allem aber war mit der Oktoberrevolution von 1917 der erste sozialistische Staat entstanden – auf einem Sechstel des Erdballs; und ab 1945 das sozialistische Lager in Europa und Asien, zu dem ab 1949 auch die VR China gehören sollte.

Deshalb macht Wertz eine zweite Phase („Die Führungsmacht des Westens“) der US-Weltbeherrschungspolitik aus, datiert auf die Jahre 1946 bis 2001; und versehen mit diesem Zitat: „Die Demokratie wurde vor dem Kommunismus gerettet, indem sie abgeschafft wurde.“

Auch hier sei zum besseren Verständnis umfangreich aus dem einführenden Text zitiert, auch wenn manches davon noch oder schon bekannt sein dürfte:

„Der Weltkrieg fand nach 1945 ohne Pause seine Fortsetzung, nahezu überall mußte die Freiheit nun gegen den 'aggressiv expandierenden Kommunismus' [so die bis heute unbewiesenen Behauptungen aus USA und NATO; SRK] verteidigt werden. Dazu wurde der Feind enthumanisiert. Mord und Terroranschläge – alles was zur Schwächung des Feindes beitragen konnte, war erlaubt.“ (S.91)

Und was konkret erlaubt war, das ist in der von Wertz zitierten Direktive des US-Sicherheitsrates NSC-5412/2 vom 28. Dezember 1955 nachlesbar (S.92). Er konstatiert deshalb: „In diesem Kampf degenerierten die so gerne hervorgehobenen 'westlichen Werte' Demokratie, Freiheit, freie Wahlen oder Rechtsstaatlichkeit zu wenig mehr als propagandistischen Aushängeschildern.“ (S. 92-93) Passend dazu eine Äußerung von Henry Kissinger („Friedensnobelpreisträger“ von 1973) zur Wahl des Sozialdemokraten Salvador Allende zum chilenischen Präsidenten: „Ich sehe nicht ein, daß wir zusehen sollten, wie ein Land als Folge der Unverantwortlichkeit seiner eigenen Bevölkerung kommunistisch wird. Die Angelegenheit ist viel zu wichtig, als daß man die Entscheidung darüber den chilenischen Wählern überlassen kann.“ (S. 93)

Wertz erläutert dazu treffend: Die USA nannten all das 'kommunistisch', was lediglich Ausdruck vom Streben nach nationaler und wirtschaftlicher Unabhängigkeit, was lediglich Wunsch nach sozialem Fortschritt und Gerechtigkeit war/ist. Deshalb: „Die USA bekämpften jede Revolution und alle revolutionären Bewegungen in aller Welt. Heute sind zu diesem Zweck nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums über 300.000 seiner 1.479.000 Soldaten in mehr als 150 Ländern stationiert. Sie werden unterstützt von Diplomaten, Agenten und zahlreichen Stiftungen...“ (S. 93) Insbesondere durch die sogenannten NGO, diese vorgeblichen Nicht-Regierungsorganisationen, die aus diversen US-Fonds finanziert werden.

„Die Methoden waren gelegentlich verschieden, doch das Ziel, die Welt zu dominieren, blieb immer das Gleiche. (…) Nun mußten Städte oder gelegentlich ganze Länder völlig zerstört werden, um sie vor 'dem Kommunismus' zu retten, wie ein amerikanischer General nach der Bombardierung von Hue in Vietnam erklärte. (…) Gelegentlich, wie 1965 in der Dominikanischen Republik, mußte die Demokratie abgeschafft werden, um sie zu retten...“ (S. 95)

Die folgende (und sicherlich nicht einmal vollständige Auflistung) der Beispiele von US-Militärinterventionen und/oder Geheimdienstoperationen füllt nahezu 150 Seiten... Deshalb können hier nur einige wenige besonders markante Aktionen kurze Erwähnung finden. Das begann mit der Zurückdrängung der antifaschistischen Widerstandsorganisationen bzw. der Kommunistischen Parteien in „befreiten Ländern“ wie Griechenland, Italien, Frankreich, den Philippinen, China, aber auch in Westdeutschland oder Österreich usw. Deshalb wurden auch gemeinsam mit dem Vatikan auf der sogenannten Rattenlinie deutsche und kroatische Klerikal-Faschisten nach Spanien oder Südamerika ausgeschleust bzw. in der Ukraine und in den baltischen Republiken einheimische Hilfstruppen von SS und Wehrmacht im Kampf gegen die Sowjetmacht unterstützt.

Aber auch im eigenen Hinterhof blieben die USA wachsam: „1948 Venezuela: Mit einer neuen Verfassung und seinem Programm für soziale Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen für die Arbeiter brachte Präsident Romulo Gallegos die einheimische und ausländische Geschäftswelt gegen sich auf. (…) Die 'aggressive' Regierungspropaganda zur Erweiterung des öffentlichen Bildungssystems und zur Regulierung sowohl der staatlichen als auch der privaten Bildungseinrichtungen erzürnte die römisch-katholische Kirche, die durch diese Reformen ihre bis dahin dominierende Rolle in Bildungsfragen gefährdet sah. Mit der Verabschiedung eines Gesetzes zur Landreform machte sich Gallegos die mächtige Landoligarchie zum Gegner.“ (S. 112) Da blieb den USA natürlich keine andere Wahl, als einen Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten zu initiieren...

Aufhorchen lässt, was Wertz über den Korea-Krieg von 1950 bis 1953 schreibt:

„Es ist bis heute unklar, wer an jenem 25. Juni 1950 den ersten Schuß abgab. Viel deutet darauf hin, daß Präsident Syngman Rhee, den Washington 1945 ähnlich wie Ramon Magsysay auf den Philippinen an einer bereits bestehenden provisorischen Regierung vorbei ins Amt gehievt hatte, sehr an einem Krieg gelegen war. Seine Partei hatte kurz zuvor bei den Wahlen zur Nationalversammlung eine bittere Niederlage hinnehmen müssen, über 75 Prozent der Wähler hatten gegen ihn gestimmt.

(…)

Im Morgengrauen des Sonntags, 25. Juni, [so Sir John Pratt von britischen Foreign Office; SRK] griff Syngman Rhee plötzlich an. (…) Seine Streitkräfte überschritten den 38. Breitengrad an mehreren Punkten und nahmen Haeju, einige Meilen nördlich der Demarkationslinie, ein. (…) Die Nordkoreaner begannen eine Gegenoffensive, woraufhin die Südkoreaner ihre Waffen wegwarfen und flohen. Die Nordkoreaner trieben sie über den Breitengrad und begannen mit ihrer Invasion Südkoreas.“ (S. 116)

Schwach fällt dagegen Wertz' Einschätzung des US-amerikanischen Agierens in Tibet aus. Er beschreibt zwar richtig, daß hier schon frühzeitig über die CIA antichinesische Terroranschläge unterstützt und finanziert wurden und wie man den sehr jungen Dalai Lama schon früh ans Gängelband legte. Aber: Hier bedient sich Wertz unkritisch der Dalai-Lama-Propaganda und gibt unhinterfragt phantastische Zahlen über „Widerstandskämpfer“ und Opfer „chinesischer Massaker“ wieder. Das ist leider ein Beispiel dafür, dass in Sachen Tibet selbst bei ansonsten kritischen Menschen oftmals der eigene Verstand aussetzt.

Weitere US-Aktionen dieser Jahre in Stichworten: Stay-behind-Armeen (Gladio) in West- und Südeuropa, die Putsche gegen Premier Mossadegh 1953 im Iran (die Interessen der Erdölkonzerne waren bedroht) oder gegen Präsident Arbenz 1954 in Guatemala, wo die Interessen der United Fruit („Das Grüne Ungeheuer“) bedroht waren, der Vietnam-Krieg – später Indochina-Krieg (schon ab 1945 darin involviert), Suez-Kanal-Krise 1956, Kuba (seit dem Sieg der Revolution 1959) Kongo ab 1960 (Sturz und Ermordung von Patrice Lumumba), „Operation Condor“ gegen linke Regierungen in Lateinamerika ab den 1960er Jahren, antikommunistische Putsch in Indonesien 1965, das Abwürgen der „Nelkenrevolution“ von 1974 in Portugal...

Zu Jamaika 1976-1980 heißt es bei Wertz: „...reiste Kissinger nach Kingston... [Premier Manley; SRK] hatte Washington verärgert, weil er (…) von den internationalen Bergwerkskonzernen, die auf Jamaika Bauxit abbauten, einen größeren Anteil am Profit verlangte. Kaum hatte Kissinger das Land verlassen, begannen die üblichen Destabilisierungsversuche, Pressekampagnen gegen den 'Gefangenen Castros und des KGB', Bestechungsgelder für Armeeoffiziere, Waffenlieferungen für Oppositionsgruppen, Bombenanschläge, um die Tourismusindustrie zu schädigen, eine Welle von Streiks... (…) Die in Chile so erfolgreich erprobte Organisation der [Kochtöpfe schlagenden; SRK] Mittelklasse in oppositionellen Gruppen, mittlerweile ein klassisches Mittel im Kampf gegen unliebsame Regierungen weltweit, fand auch hier ihre Anwendung...“ (S. 197)

Weitere Stichworte: Grenada 1984, Nicaragua 1979-1990, Afghanistan ab 1979, Jugoslawien ab 1991 oder Venezuela ab 2001 oder auch NGO wie die „Reporter ohne Grenzen“ (S. 218 ff) oder die „Farbrevolutionen“ vor allem in ehemals sozialistischen Staaten...


Die letzte Supermacht

Eine dritte Phase macht Wertz ab dem Jahre 2001 aus („Die letzte Supermacht“), versehen mit dem Zitat: „Das ist kein Kriegs-, sondern ein Mordprogramm“.

Zu diesem sehr aktuellen Abschnitt fällt der einführende Text wesentlich länger aus. Darin heißt es u.a.: „Der 11. September 2001 jedoch (…) lieferte der US-Regierung neue Argumente für Interventionen im Ausland, den Terrorismus. Seither führen die USA (zusammen mit der NATO und anderen) weltweit ihren Krieg gegen den Terror, der sich derzeit überwiegend gegen die sogenannten 'Islamisten' richtet. Und so wie [der frühere US-Präsident Franklin D. Roosevelt; SRK] einst den feinen Unterschied zwischen 'Hurensöhnen' im Allgemeinen und 'unseren Hurensöhnen' hervorhob, so unterscheiden die USA auch heute zwischen Islamisten und 'unseren Islamisten'...“ (S. 250)

(…)

Es hat sich nichts geändert in den letzten hundert Jahren. Diese Sprache der Überlegenheit pflegten schon die Vertreter der Kolonialmächte. (…) Von dort war es dann nur ein kleiner Schritt, um solchen Staaten nur noch eine 'eingeschränkte Souveränität' zuzugestehen. (…) Mitte der 90er Jahre unterzeichnete Bill Clinton eine 'präsidentiale Anweisung', die es der CIA und den Special Operations Forces in Absprache mit dem FBI erlaubte, 'Terrorverdächtige' in aller Welt aufspüren und ohne Berücksichtigung bilateraler Auslieferungsabkommen in die USA zu entführen. (…) Darüber hinaus unternimmt Washington alle Bemühungen, eigene Täter vor Strafverfolgung durch internationale Gerichte zu schützen. Der Einrichtung eines ständigen Internationalen Strafgerichtshofes (ICC) widersetzen sich die USA vehement. (…) ...verabschiedet der Kongress ein Gesetz, das dem Präsidenten die Möglichkeit gibt, jede 'notwendige Maßnahme' zu ergreifen, um die Freilassung gleich welchen amerikanischen Bürgers zu erzwingen, der vom ICC verhaftet wurde.“  (S. 252-25) Um so vehementer fordern die USA stattdessen, dass alle ihnen unliebsamen Staats- und Regierungschefs anderer Staaten tot oder lebendig vor diesen Gerichtshof gebracht werden.

Wertz merkt süffisant dazu noch dies an: „Der Bush-Doktrin zufolge sind terroristische Staaten Länder, deren Regierungen Terroristen Unterkunft und Schutz gewähren oder selbst terroristische Anschläge durchführen. Mit diesem Argument hatte schon Reagan seine Bombardierung Libyens begründet. Daß die USA selbst dieser Definition gefährlich nahekommen, wird tunlichst ignoriert. Allerdings unterscheiden die USA auch hier zwischen guten und schlechten Terroristen.“ (S. 254)

Und: „Washington behauptet, das internationale Recht erlaube es den USA, Verdächtige auch in Staaten, mit denen man sich nicht im Krieg befindet, ohne Gerichtsverfahren zu töten. Folgerichtig hat die Obama-Regierung [„Friedensnobelpreis“ von 2009; SRK] derartig verabscheuungswürdige Maßnahmen, die von der Bush-Regierung noch als Ausnahmen dargestellt wurden, inzwischen als normales Vorgehen abgesegnet.“ (S. 262-263) Übrigens bejubelt von der Dame Clinton.

Als Stichworte sollen hier neben der Missachtung der UNO und internationaler Abkommen nur stehen: Afghanistan ab 2001, Irak ab 2003,  Ukraine ab 2004, Syrien ab 2005 (!!!), Kirgisien 2005, Libyen ab 2011...

 

Cyberspace, Drohnenangriffe, Fazit

Wertz geht in einem gesonderten Kapitel auf das neueste Tätigkeitsfeld von Pentagon, CIA, NSA und anderen ein, den Cyberkrieg („Wissen ist Macht. Amerikanische Sammelwut“) und in einem weiteren listet er detailliert die bekannt geworden US-Drohnenangriffe der Jahre 2001 bis 2016 auf. Anmerkungen verweisen auf Quellen und weiterführende Literatur, während Länder- und Personenverzeichnisse hilfreich beim Finden spezieller Fakten sind.

Dieses Buch ist insgesamt sehr informativ, auch wenn sich in einige Texte doch manch kleine Fehler eingeschlichen haben (so wenn Kambodscha als Binnenstaat bezeichnet wird).
Und auch wenn Wertz teilweise in antikommunistische Diktion verfällt bzw. diese unkritisch wiedergibt und er sich oftmals der üblichen Sprachregelungen der „Qualitätsmedien“ bedient, schmälert das keinesfalls die Aussagekraft des Buches.

 

Siegfried R. Krebs


Armin Wertz: Die Weltbeherrscher. Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA.
430 S. Paperback. Aktualisierte u. erweiterte Neuausgabe.
Westend-Verlag. Frankfurt 2017.
18,00 Euro.
ISBN 978-3-86489-169-4